Chamonix


Hochtourenteil in Chamonix

Text von Alexander Lechner, Foto von Stefan Brunner

 

Chamonix, ein überschaubarer Ort an der Nordseite des Mont Blanc-Massivs, ist das Ziel unseres diesjährigen Hochtourenteils. Und was für ein Ziel! Jeder Bergsteiger kennt die vielfältigen Tourenmöglichkeiten im Massiv: klassische Gratüberschreitungen, alpine Felsklassiker, Risse a la Yosemite, Eisgullys, Colouirs und kombinierte Routen in allen Schwierigkeitsgraden. Peter, Berni und ich können bereits ein paar Tage früher anreisen und die Zeit für ein paar gute Touren und zum Akklimatisieren nutzen. Am Sonntagabend treffen Clemens, Stefan und Stefan B. ein, am Montagmorgen schließlich Roli und Timo, unser Ausbildner.

Wie immer sind alle hochmotiviert und wir machen uns gleich mal an die Tourenplanung. Die läuft in Cham übers OHM (Office de Haute Montagne), wo man sich über die Schnee- und Wetterlage, sowie die Verhältnisse in den Kletterrouten erkundigen kann. Leider wird uns mitgeteilt, dass die Verhältnisse aufgrund starker Schneefälle in der Vorwoche eher schlecht sind. Wir lassen uns davon jedoch nicht verunsichern und legen gemeinsam mit Timo die Aiguille du Chardonnet als Ziel für den morgigen Tag fest. Am späten Vormittag geht's zum Refuge Albert, auf 2706m, unserem Ausgangspunkt für morgen (eigentlich wollten wir das erste Stück mit der Bahn hochfahren, die war aber wegen Revisionsarbeiten geschlossen). 

 

Wir sind ziemlich flott oben und nützen den Nachmittag, um am nahen Gletscher die Spaltenbergung mittels loser Rolle nochmal zu üben. Dann gibt’s auch schon Essen und natürlich ein Bier, um den Elektrolythaushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nach einigen Stunden mehr oder weniger erholsamen Schlafes klingeln um 03:00 die Handywecker und wir versammeln uns Schlaftrunken am Frühstückstisch. Schnell das Frühstück runterwürgen, in die Bergschuhe rein und schon kanns losgehen! Nach einem mehrstündigen Hike stehen wir pünktlich zum Beginn der Dämmerung am Einstieg der Escarra-Route und des Charlet-Bettembourg Gullys.

 

Die ersten beiden Seillängen der Routen sind gleich, was dann bei drei Seilschaften doch etwas Gedränge zur Folge hat. Berni bekommt gleich mal einen Eisbrocken ins Gesicht, was ein ordentliches Cut auf seiner Wange zur Folge hat. Schließlich teilt sich das Einstiegscolouir in zwei Eisschläuche auf, in denen wir, manchmal auf Blankeis, dann wieder auf lockerem Schnee oder im leichten kombinierten Gelände Seillänge um Seillänge höher klettern.

 

In der letzten Seillänge treffen Stefan B., Roli und ich auf Clemens, Stefan L. und Timo, die soeben aus der Escarra Route, einem Eisschlauch, der parallel zu unserer Route verläuft, aussteigen. Nach einer kurzen Gipfelrast auf der Aiguille du Chardonnet geht’s auch schon wieder hinunter. Teilweise wird abgestiegen, dann wieder über Blöcke oder Normalhaken, an denen das übliche verwitterte Schlingen- und Reepschnurmaterial befestigt ist, abgeseilt. Vorm letzten Abseiler, einer Eisbirne, die uns über den Bergschrund bringen soll, warten wir alle zusammen. Nach dem Abseilen werden im Nu wieder zwei Viererteams gebildet, die sich zu je einer Gletscherseilschaft verbinden. Das Wetter verschlechtert sich zusehends und wir wollen vom Gletscher runter bevor es zu regnen oder schneien anfängt.

 

Timo möchte jedoch noch mal Spaltenbergung per Mannschaftszug üben und springt kurzerhand in eine Gletscherspalte. Während wir am Gletscher noch Spaltenbergung Marke „realistischer geht’s nimma“ machen, wird hinter uns bereits eine Seilschaft von der Aiguille du Chardonnet ausgeflogen,  bevor die Wolken für den Heli zu dicht werden.

 

Schließlich haben wir unseren Bergführer aus seiner misslichen Lage befreit, und es geht schnell zur Hütte und von dieser gleich weiter ins Tal. Die Knie sind alles andere als glücklich darüber, aber was solls, gehört eben dazu.

 

Zurück bei den Autos werden erst mal die Schuhe gewechselt. Wer kennt nicht dieses Gefühl, wenn man endlich mal aus den Bergschuhen rauskommt? Einfach erlösend! Danach wird schnell ein Quartier gecheckt und nichts wie hin: duschen, essen, in Betten schlafen – herrlich. Den folgenden Mittwochnützen wir, auch wetterbedingt, als Rasttag und zur Tourenplanung.

 

Es wird viel über mögliche Touren diskutiert, schließlich einigen wir uns jedoch darauf am Donnerstag mit der ersten Bahn auf die Aiguille du Midi zu fahren, um am Triangle du Tacul zu klettern und am Freitag entweder die Überschreitung der Aiguilles du Diable (Teufelsgrat), oder die Kombination Cosmique-Grat und Midi-Plan Grat zu versuchen.Leider geht sich die erste Bahn doch nicht aus, aber wir sind dennoch gut im Zeitplan.

 

Die Aiguille du Midi Bahn bringt voll ausgerüstete Bergsteiger und Touristen in Turnschuhen gleichermaßen in 20 Minuten von 1200m auf 3800m – ein beeindruckendes Schauspiel. Durch einen Eistunnel verlassen wir die Bergstation und steigen auf dem luftigen Schneegrat aus, zu unserer Linken brechen die Eisflanken und Felswände fast 1200m senkrecht Richtung Tal ab – gewaltig!

 

Ein kurzer Hike bringt uns zu den Einstiegen der Tacul-Routen. Dort angekommen ärgern wir uns doch ein wenig, nicht die erste Bahn erreicht zu haben, da schon ziemlich reger Betrieb herrscht und wir in der einen oder andren Route vielleicht eine Seilschaft vor uns haben werden.

 

Wir teilen uns wieder auf drei Seilschaften und mehrere Routen auf. Roli, Timo und ich steigen in den German Gully ein. Die ersten Seillängen sind eigentlich ziemlich cool, nette Schnee- und Mixedkletterei. Nach oben hin wird die Schneeauflage jedoch immer schlechter und pulvriger, die Hauen der Eisgeräte halten nicht mehr und müssen unter dem Pulverschnee im Fels verankert werden.

 

Wir schließen zu der vor uns kletternden Seilschaft auf, der Vorsteiger bewegt sich extrem langsam über die verschneiten Granitplatten.

 

Timo bestimmt eine Variante zu klettern, um nicht warten zu müssen: einen senkrechten Doppelriss mit leicht überhängendem Ausstieg, sieht nach Drytooling aus! Der Weg zum Riss erweist sich jedoch als schwieriger als gedacht. Als mir mein Eisgerät ins Gesicht springt, weil die Haue doch nicht so gut verklemmt war wie gedacht und ich ins Seil rassle, mache ich Stand und gebe die Führung an Roli ab. Auch der kämpft, aber nachdem er den ganzen lockeren Schnee vom Felsen geputzt hat, findet er eine Stelle, um mit den Geräten zu hooken und die Eisglasur einen halben Meter weiter links zu erreichen. Die führt ihn zum Riss, und nun ist auch er gefordert: die Frontalzacken auf winzigen Unebenheiten am Granit aufsetzen, Riss absichern, Hauen verklemmen. Schließlich zieht er die Handschuhe aus und greift den Felsen mit nackten Händen an, bei gefühlten zehn Grad unter null!

 

Aber ohne Handschuhe geht’s, souverän überwindet er den Überhang, kommt in leichteres Gelände und macht Stand. Timo und ich steigen nach, zwei Friends sind so tief in den Riss gerutscht, dass ich die Stege mit den Handschuhen nicht mehr zu fassen bekomme. Also muss auch ich dieselben ausziehen. Meine Finger, die vom langen Warten am Stand schon kalt sind, werden im Nu völlig gefühllos. Naja, wenigstens gehen die Friends jetzt raus. Timo und Roli warten schon am Stand, als ich raufkomme. Das warme Blut schießt wieder in meine Hände, mir ist schlecht und ich schreie meinen Schmerz hinaus.

 

Zum Glück vergeht der Schmerz, so wie immer, ziemlich schnell wieder. Timo sichert und Roli klettert bereits wieder weiter, als sich plötzlich eine Granitplatte mit ca. einem Meter Durchmesser, die wir für festgefroren hielten, vom Eis löst. Es gelingt mir noch, sie kurz festzuhalten und wir schreien wie von Sinnen, um die anderen zu warnen. Unter uns können wir Stefan B., Clemens und Peter sehen. Ich kann die Platte nicht länger halten und sirrend fliegt sie auf die anderen zu. Eine Schrecksekunde später hebt Clemens unten den Daumen; es wurde niemand getroffen, zum Glück! Derweil hat Roli oben wieder Stand. Weiter geht’s im kombinierten Eis- Felsgelände, aber es wird nicht mehr übermäßig schwierig. Schließlich queren wir ins Chere-Colouir, über das wir abseilen können, und treffen auf Stefan L. und Berni, die ebenfalls am abseilen sind (Stefan und Berni machten die Contamine-Mezaud).

Gemeinsam geht’s flott hinunter und am Gletscher zur Cosmiquehütte hinüber, wo wir heute nächtigen. Eine Stunde später treffen auch Stefan B., Clemens und Peter ein, die über ihre Kletterroute abseilten.

 

Das Essen auf der Hütte fällt leider etwas mager aus, das Personal macht Probleme mit der Gasversorgung dafür verantwortlich. Auch gut, trink ma halt nu a Bier! Bei der abendlichen Besprechung wird die Kombination von Cosmiquegrat und Midi-Plan Grat als Ziel für Freitag auserkoren. Und wieder brechen wir im Dunklen auf. Den ersten Teil des Cosmiquegrates klettern wir mit Stirnlampe, leichtes Gelände. Um halb neun Uhr Morgens stehen wir wieder auf der Bergstation der  Aiguille du Midi (am Ende des Grates führt eine Leiter direkt zu Station).

 

Schnell die Steigeisen ausgezogen, durch die Station, in den Eistunnel, Steigeisen wieder anlegen und auf den Schneegrat hinaus. Anstatt, wie gestern, nach dem ersten steilen Gratstück ins Valle Blanche, das große Gletscherbecken, abzuzweigen, folgen wir nun dem Grat. Mal auf der Gratschneide, mal links oder rechts davon geht es, immer dem leichtest möglichen Weg folgend, zur Aiguille du Plan.

 

Die Ausgesetztheit und der Tiefblick sind atemberaubend.

Schließlich kommen zwei südseitige Abseilstellen über eine Felswand, wir klettern über firnbedeckte Granitplatten, queren wieder in Richtung Grat und stehen auch schon vor dem Gipfelturm der Aiguille du Plan. Zwei Seillängen klettern wir noch hoch, über teilweise vereisten, aber meist trockenen Granit. Dann ist der höchste Punkt der Aiguille du Plan erreicht – genial. Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht, wir müssen die Seilbahn bis spätestens 17:00 Uhr erreichen, wenn wir heute noch hinunter wollen. Und wir wissen, dass das Wetter zum späten Nachmittag hin umschlägt.

 

Also schnell über den Gipfelturm abgeseilt und die Abseilstelle vom Hinweg wieder raufklettern! Während der gesamten Tour bekommen wir von Timo Tipps zur Führungs- und Sicherungstechnik im jeweiligen Gelände. So auch jetzt: einer klettert und befestigt ein Fixseil, alle bis auf den Letzten steigen übers Fixseil auf, der Letzte wird nachgesichert. So können wir diese Stellen trotz unserer Gruppengröße sehr schnell überwinden.

 

Eine gute halbe Stunde von der Bergstation entfernt können wir den Wetterumschwung hautnah miterleben. Wir stemmen uns gegen die Windböen, um nicht vom Grat geblasen zu werden; es zieht zu, und die Wolken sind so dicht, dass man keine zehn Meter weit sehen kann.

 

Der Gletscher und die Wolken bilden eine formlose graue Masse. Zum Glück ist die Orientierung für uns kein Problem, wir brauchen lediglich dem Grat zu folgen. Kurz vor der Seilbahnstation muss ich dann Berni, Peter und Timo bitten, das Tempo etwas rauszunehmen. Ich habe viel zu wenig getrunken, was sich plötzlich mit Kopfweh und Schwindel rächt. Wir sind dennoch gut in der Zeit und erreichen die Seilbahnstation um 16:30 Uhr.

 

In zwanzig Minuten geht’s wieder runter auf 1200m, es wird geduscht, gegessen, Bier getrunken. Wir sind zufrieden mit unseren Touren, und da der Wetterbericht für morgen Regen verheißt, beschließen wir das Nachtleben in Chamonix zu erkunden.

 

Am Samstag Nachmittag sind wir dann noch mal in einem Klettergarten in der Nähe von Cham und wiederholen die ganzen Spaltenbergungsgeschichten nochmal; Übung macht den Meister!

Da am Sonntag bereits das nächste Adriatief aufs Mont Blanc-Massiv trifft, trennen sich unsere Wege am Sonntagmorgen und alle fahren nach Hause.

 

Auf jeden Fall hatten wir eine lehrreiche Woche mit lässigen Touren und bleibenden Eindrücken. Timo und Stefan konnten uns noch einige Tipps zu Spaltenbergung, Sicherungstechnik im leichten Gelände („sonst seids a Gefahrgemeinschaft“;) und zum Thema Schnelligkeit in einer großen Seilschaft geben.