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Auf zum "anderen" Mallorca

Sand, Sonne und Spaß – das ist es, was jedes Jahr rund 10 Millionen UrlauberInnen auf Europas beliebteste Ferieninsel Mallorca lockt. Doch man kann dort auch wunderbar wasser-, wald- und weitwandern.

Mallorcas touristische Erfolgsgeschichte begann vor fünfzig Jahren an ihren großen Sandstränden; die 550 km lange Küstenlinie bietet aber auch an die 250 kleinere Buchten. Einen Strand bezeichnen die Mallorquiner mit dem katalanischen Begriff Platja, Bucht heißt Cala. Damit kennt man schon die beiden wichtigsten Wörter, um jetzt im Hochsommer das bis zu 25 Grad warme Mittelmeerwasser zu genießen.

 

Dolomitenfeeling am Meer

An Mallorcas Küsten kann man aber auch wunderschöne Wandertouren unternehmen, etwa vom Städtchen Sóller zur Cala Tuent oder von der Cala Mesquida im Nordosten zu den „Verlorenen Stränden“ im Naturpark der Halbinsel Llevant. Die anspruchsvollste Route am Meer verläuft ausgerechnet zwischen den Tourismus-Hochburgen der Ostküste, wo etliche Klippen direkt am Meer zum Klettern einladen. Auch Wanderinnen/Wanderer, die dorthin aufbrechen, müssen gleich beim Start in der Feriensiedlung Cala Romàntica die Hände aus den Hosentaschen nehmen und einen verborgenen Aufstieg durch 30 m hohe Felsabstürze suchen.

 

Die ebene Steppenlandschaft, die nach ein paar Klimmzügen erscheint, hat sich seit Urzeiten kaum verändert. Die Steilküste, die sie begrenzt, verbirgt etliche Minisandstrände, die man nur zu Fuß oder mit einem Boot erreicht. Manche von ihnen schmiegen sich in schmale Felsbuchten, die wie Fjorde ins Landesinnere reichen. Dazwischen schwingt sich eine natürliche Felsbrücke übers Meer, direkt vor einem großen Kessel, der nach dem Einsturz einer Höhle entstand. Glaube niemand, derlei Ereignisse hätten sich nur in grauer Urzeit ereignet: In meinem ersten Mallorca-Wanderführer beschrieb ich einen ähnlichen Steinbogen an der Südküste, von dem meine LeserInnen leider nur noch einen Haufen Trümmer vorfanden. Binnen Minuten hatte die Brandung dort ihr jahrhundertelanges Zerstörungswerk vollendet (und mein Buch um ein attraktives Tourenziel gebracht).

An der idyllischen Cala Varques – sie ist mit 80 m Länge der größte Sandfleck dieser Küstenregion – kehren die meisten StrandläuferInnen nach etwa 1,5 Stunden Gehzeit um. Wer weitermarschiert, entdeckt an der nahen Punta de Llevant, was das Meer mit Kalkfels alles anzustellen vermag: Nirgendwo sonst gibt es so zerfressene, messerscharf zugespitzte und durchlöcherte Steinformationen wie hier – ein Nagelbrett der Natur! Die sieben Kilometer Luftlinie bis zum Urlaubsretortenort Cales de Mallorca „ziehen“ sich; dank langer Felscanyons wie der Cala Magraner, die zu Umwegen und Kraxeleinlagen zwingen, verdoppelt sich die Wegstrecke fast. Unterwegs unterbricht nur ein einziges Ferienanwesen die Einsamkeit (es muss meerseitig umwandert werden, das Küstengebiet ist laut Gesetz frei zugänglich). Dass einmal mehr Betrieb geplant war, belegen Schotterwege, die im Nirgendwo der Dissgrashügel enden. Die verhinderte Hotelsiedlung hätte einen besonders faszinierenden Abschnitt der Steilküste okupiert: Das Kalkgestein, das hier vor etwa fünf Millionen Jahren aus den Ablagerungen hinter Korallenriffen entstand, blieb flach geschichtet und bildet schmale Felsbänder – fast wie in den Dolomiten, aber 20 oder 30 m über den anstürmenden Wellen. Auf diesen exponierten Absätzen lässt sich die Wand durchqueren, bis hinter einen Felsvorsprung die ersten Hotels auftauchen. Vom elften und letzten Sandstrand im Verlauf dieser Tour führt eine Treppe hinauf und endet bei einem Taxistand.

 

Wandern im Märchenwald

Natürlich zieht es die meisten Mallorca-Wanderer nicht ans Meer, sondern ins Gebirge. Knapp ein Drittel der 3603 km2 großen Insel zeigt sich mehr oder weniger gebirgig – mehr im Westen und Norden, wo in der 80 km langen Serra de Tramuntana etwa 45 Gipfel über 1000 m hoch aufragen, weniger im Osten, wo die Skyline der Serres de Llevant nur an zwei Stellen über die 500-Meter-Marke lugt. Mallorcas „steinerner Hausherr“, der 1436 m hohe Puig Major, erhebt sich direkt über der Nordwestküste. Viele Berge der Tramuntana zeigen wilde Felsabbrüche gegen Nordwest und sanfter geneigte Hänge gegen Südost, die der mallorquinische Dichter Miquel Costa i Llobera einmal so beschrieben hat: „Sie sind wie große Wellen, die die Erde, von unermesslichem Sehnen ergriffen, aufgetürmt hoch in den angrenzenden Raum.“ Mallorcas großes Gebirge, das von der UNESCO in die Liste des Welterbes aufgenommen wurde, birgt aber auch bizarre Karstgebiete und versteckte Landgüter, die wie Oasen wirken, tief eingeschnittene Torrents (Schluchten) und sogar Wasserfälle (die allerdings nur nach starken Regenfällen „in Betrieb“ sind), duftige Kiefernhaine und die dunklen, fast mystisch wirkenden Steineichenwälder Mallorcas, Encinar genannt.

 

Die immergrüne Steineiche ist der am besten ans Mittelmeerklima angepasste Baum; sie wird maximal 15 m hoch und bis zu 700 Jahre alt. Besonders an der Nordwestseite der Tramuntana, wo die Wolken Feuchtigkeit liefern, bilden sich an den Ästen der Steineichen zerzauste Flechten, während sich um ihre Wurzeln Moose bilden. In diesem dämmrigen Dickicht herrscht ein angehehmes Mikroklima, in dem man selbst bei hochsommerlichen Tageshöchsttemperaturen bis zu 40 Grad Wanderungen unternehmen kann – etwa rund um den Berg-Wallfahrtsort Lluc im Herzen der Tramuntana oder im Gebiet um Valldemossa.

Dort verbrachte Amandine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil (1804–1876), besser bekannt unter ihrem Pseudonym George Sand, mit dem Komponisten Frédéric Chopin anno 1838/39 einige nasskalte Winterwochen. In den Steineichenwäldern musste sie sich „immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, dass es Bäume sind. Traute man nämlich seiner Einbildung, würde einen inmitten dieser wunderlichen Unholde das Grauen packen: manche krümmen sich wie mächtige Drachen, mit aufgerissenem Maul und gespreizten Flügeln; andere sind in sich selbst verschlungen wie schlafende Riesenschlangen …“ Ihr Buch „Ein Winter auf Mallorca“ geht mit den Einheimischen jener Zeit sehr hart ins Gericht, doch es wurde auch zum allerersten Mallorca-Reiseführer: Noch heute lockt es Massen von Busausflüglern nach Valldemossa.

 

Die Route der Trockensteinmauern

Mittlerweile hat der Ort auch in den Ohren von Wanderinnen/Wanderern einen guten Klang – und das liegt nicht zuletzt an einem weiteren Reise-Pionier: Der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator (1847–1915) erwarb über der Nordwestküste etliche Landgüter, wurde darauf zum Ahnherrn aller Naturschützer und ließ obendrein im Teix-Massiv spektakuläre „Reitwege“ anlegen – schmale, mit Steinen aufgemauerte Trassen, stellenweise direkt an der Oberkante von Felsabbrüchen. Diese sind heute Teil des Weitwanderweges GR-221, der von Port d’Andratx im Südwesten Mallorcas quer durchs Gebirge führt. Die 130 km lange Route blieb allerdings ein Fernweg-Fragment, denn etliche Abschnitte sind noch unbeschildert; auch harren einige der geplanten Etappen-Herbergen ihrer Renovierung. Auf dem nördlichen Wegabschnitt von Deià über Sóller und Lluc bis Pollença gibt es jedoch kaum Orientierungsprobleme und mehrere historische Refugis, in denen man bergsteigermäßig übernachten kann. Dazwischen wandert man auf Pfaden, die deutlich älter sind als die Trassen des blaublütigen Aussteigers. Der Pilgerweg vom „Orangental“ von Sóller durch die Schlucht des Barranc de Biniaraix geht wohl schon auf die Römer zurück; seit dem Mittelalter marschierten dort Pilger zum Heiligtum Lluc (Santuari de Santa Maria de Lluc). Und so unglaublich es auch klingt: Man folgt sogar Routen, auf denen man einst Schnee transportierte. Im Winter schaufelten Nevaters (Schneesammler) die weiße Pracht, die in den Gipfelregionen reichlich fällt, in ausgemauerte Gruben, wo sie unter Gras und Asche bis zum Sommer überdauerte. Dann brachte man den kalten Schatz nachts auf Eseln ins Tal, wo er zur Kühlung von Lebensmitteln und Medikamenten verkauft wurde.

 

Der Weg trägt auch den Namen La Ruta de Pedra en Sec (Die Route der Trockensteinmauern), weil ihn überall alte Steinbegrenzungen und Terrassenmauern – kunstvolle Relikte einer versunkenen Arbeitswelt - begleiten. Schon die antiken Eroberer perfektionierten die Kunst, Steinmauern ohne Mörtel aufzuschichten; in der gleichen Technik entstanden Quellfassungen, Wasserbecken und auch viele Hütten, oft samt Backofen. Eine Gesamtlänge von 25.000 km sollen die Trockensteinmauern auf Mallorca erreicht haben. Man glaubt’s gerne, wenn man nach drei oder vier Tagen à fünf oder sechs Gehstunden an der römischen Brücke im Städtchen Pollença ankommt. Dann hat man Mallorca auf eine ganz eigene Weise kennengelernt und empfindet es wohl wie schon Frédéric Chopin, der 1838 notierte: „Ich bin in der Mitte des Schönsten, was die Welt zu bieten hat.“

 

Text & Fotos: Wolfgang Heitzmann, Outdoor-Redakteur und Buchautor

Felsbrücke, nahe der Cala Varques (Ostküste)
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