Text: Maximilian Frey, Gewässerschutzexperte, WWF Österreich, Fotos: Sebastian Frölich, Christoph Praxmarer, WWF
Mai 2025: In der Schweizer Gemeinde Blatten stürzen Felsen auf einen Gletscher. Die Eismassen rutschen ab und begraben ein ganzes Dorf unter sich. Ein Ereignis, das zeigt, wie real und bedrohlich die Auswirkungen der Klimakrise sind. Solche Katastrophen sind längst keine Einzelfälle mehr. Auch in Tirol geraten gewaltige Hänge ins Rutschen: 2023 brach am Fluchthorn sogar der Berggipfel ein. Die Wahrscheinlichkeit gefährlicher Bergstürze hat sich bereits mehr als vervierfacht. Statt rund acht Mal im Jahrhundert kracht es nun alle zwei bis drei Jahre – in den vergangenen Jahren sogar jährlich. Die Ursache für diesen Anstieg ist der tauende Permafrost – gefrorenes Wasser im Boden und Fels, das wie ein unsichtbarer „Kleber“ wirkt. Er hält die Felsen der Alpen zusammen und stabilisiert Hänge und Gipfel. Steigen die Temperaturen, taut dieser natürliche Kitt, und Hänge geraten ins Rutschen, Felsen brechen, ganze Flanken können einstürzen.
Der emeritierte Geomorphologe und Glaziologe Prof. Dr. Wilfried Haeberli von der Universität Zürich warnt daher vor der gefährlichen Kombination aus Klimawandel und großen Infrastrukturprojekten im sensiblen Alpenraum - vor allem wenn ihre Risiken nicht ausreichend geprüft werden. Schwindende Gletscher und tauender Permafrost erhöhen das Risiko von Naturgefahren wie Felsstürzen. Neue Gletscherseen und instabile Bergflanken könnten gefährliche Prozessketten auslösen und bestehende wie geplante Speicherseen bedrohen.
Diese Gefahr besteht auch im Kaunertal. Das Gebiet gilt als geologisch instabil. Rund um den Gepatsch-Stausee, der das Wasserkraftwerk Kaunertal speist, sind rund 290 Millionen Kubikmeter Gestein in Bewegung – eine Menge, die ausreichen würde, um die gesamte Fläche der Stadt Innsbruck unter einer drei Meter hohen Geröllschicht zu begraben. Seit dem Bau des Kraftwerks in den 1960er-Jahren hat sich der Westhang um mehrere Meter gesenkt. Muren, Felsstürze und Hangrutschungen nehmen zu. An einem angrenzenden Berg lösten sich aufgrund des tauenden Permafrosts bereits große Felsmassen. Schmelzen die Gletscher, entstehen im Kaunertal neue Seen aus Schmelzwasser, die vielleicht bald zu einer beträchtlichen Gefahr für die Bevölkerung werden können. Fällt ein Bergsturz in einen dieser Seen oder in den Gepatsch-Stausee, kann es zu einer Flutwelle kommen, die bis ins Tal reicht.
Trotz dieser Gefahr will die Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG) das Kraftwerk Kaunertal ausbauen: Sie plant dafür im benachbarten Platzertal einen weiteren Stausee. Doch dies würde das Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung verschärfen. Durch den Pumpbetrieb und die ständig wechselnden Wasserstände im Gepatsch-Speicher würden neue Risiken entstehen. Die Wahrscheinlichkeit einer gefährlichen Kettenreaktion würde steigen. Von der TIWAG werden diese Risiken verharmlost. Ihre Untersuchungen zum Permafrost-Rückgang sind absolut mangelhaft. Besonders brisant: Es wird sogar behauptet, dass sich durch das komplette Abtauen des Permafrosts das Problem von selbst lösen wird – tatsächlich würde jedoch das Gegenteil passieren: Die Stabilität im Fels wäre endgültig geschwächt. Die Sicherheit der Bevölkerung wird nicht ernst genommen.
Haeberli kritisiert, dass die von der TIWAG vorgelegte Umweltverträglichkeitsprüfung klimabedingte Risiken – etwa neue Seen am Gepatschferner, dem zweitgrößten Gletscher Österreichs, oder instabile Permafrostflanken – nur unzureichend berücksichtigt. In einem Gutachten für den WWF Österreich im Jahr 2025 fordert er ein umfassendes Sicherheitskonzept. Neue Hochgebirgsprojekte seien nur mit strengen Schutzauflagen vertretbar: Rückhaltefunktionen, systematische Überwachung gefährdeter Hänge sowie Frühwarn- und Alarmsysteme müssten Standard werden. Ereignisse im indischen Himalaya, etwa in Chamoli 2021* und am South Lhonak Lake 2023**, würden den dringenden Handlungsbedarf zeigen.
Die letzten intakten Naturschätze der Alpen müssen geschützt werden. Sie sind wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen und haben für uns Menschen eine wichtige Schutzfunktion. Für den WWF und die Naturfreunde Österreich ist klar: Der aus reiner Profitgier geplante Ausbau des Kraftwerks Kaunertal darf nicht stattfinden – zumal es naturverträgliche Alternativen gibt.
Seit 2025 läuft das Genehmigungsverfahren für den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal, obwohl massive Risiken für Mensch und Natur bis heute nicht geklärt sind. Unabhängige Sachverständige haben in den Unterlagen der TIWAG Hunderte Mängel entdeckt. Auf zentrale Fragen zur Sicherheit im Kaunertal gibt es bis heute keine Antworten. Darüber hinaus würde das einzigartige Platzertal für immer zerstört werden. Der WWF und die Naturfreunde haben im September 2025, wie viele andere Umwelt-NGOs von ihren Parteienrechten als anerkannte Umweltorganisationen Gebrauch gemacht und Einwendungen gegen den Ausbau eingebracht. Dennoch will die TIWAG das Monsterprojekt unbedingt durchboxen – auf Kosten der Natur und der Sicherheit der Bevölkerung.
Bitte unterstütze die Petition gegen den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal! Klicke auf diesen Link und fordere den Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle auf, das laufende Genehmigungsverfahren sofort zu stoppen.
Fußnoten:
* Durch einen gewaltigen Bergsturz wurde ein Gletscher mitgerissen; eine dadurch ausgelöste Flutwelle jagte Massen von Wasser, Schlamm, Felsbrocken und Eistrümmern durch das Tal des Rishiganga und des Dhauliganga und forderte 200 Menschenleben; zwei Wasserkraftwerke sowie mehrere Brücken und Straßen wurden u. a. zerstört.
** Wegen eines extremen Starkregenereignisses stürzten rund 14,7 Millionen Kubikmeter gefrorenes Moränenmaterial in den South Lhonak Lake in Sikkim und lösten eine bis zu 20 Meter hohe Flutwelle aus. Der anschließende Gletscherseeausbruch erodierte die Moräne und setzte rund 50 Millionen Kubikmeter Wasser frei. Die Flut, die sich im 385 Kilometer langen Teesta-Tal bis Bangladesch ausbreitete, forderte zahlreiche Todesopfer und zerstörte viele Siedlungen und Infrastruktur, etwa Brücken, Stau- und andere Dämme.
Die wichtigsten Eckdaten zum geplanten Ausbau des Kraftwerks Kaunertal
Von den Ausbauplänen betroffen sind