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9 Stunden für 15 Minuten

Am 7. Oktober 2017 luden die Naturfreunde Österreich und die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) Steiermark zum 2. Internationalen Lawinensymposium in Graz, das hochkarätig besetzt war. Über 500 Interessierte bereuten ihr Kommen nicht. Fazit: neun bestens investierte Stunden – für 15 Minuten, die im Notfall Leben retten können.

Am 8. März 2006, einem traumhaften Tag mit viel Sonne und riesigen Schneemengen, fuhr Dietmar Scherjau mit einem Sessellift im obersteirischen Schigebiet Präbichl. Was danach geschah, daran fehlte dem gebürtigen Kärntner acht Jahre lang jede Erinnerung. Aus Erzählungen wusste er, dass er und seine beiden Begleiter bei der Tiefschneeabfahrt von einem 400 Meter breiten Schneebrett erfasst worden waren. Die Freunde starben in der Lawine. Scherjau wurde schwer verletzt geborgen, Augenzeugen gruben ihn aus. Erst am 9. Mai 2014 setzte Scherjaus Bewusstsein wieder ein. Sein Vortrag über seinen jahrelangen schweren Weg zurück ins Leben und über seine Schuldgefühle wegen des Todes seiner beiden Freunde war der emotionale Höhepunkt des 2. Lawinensymposiums der Naturfreunde Österreich und der ZAMG Steiermark am 7. Oktober 2017 im Grazer Arbeiterkammersaal.

 

Kameradenhilfe ist das Um und Auf

Scherjaus Ausführungen bestätigten vieles, was während des Symposiums zu hören war. Der bayrische Lawinendoyen Bernd Zenke, ehemaliger Leiter des Lawinenwarndienstes Bayern, plädierte dafür, die Notfallabläufe und Kameradenrettung als Allererstes und wesentlich intensiver zu trainieren, als es meist getan wird. Zenke berichtete von einem typischen Unglück in den bayrischen Bergen: Eine Frau, deren Ehemann von einer Lawine verschüttet worden war, wusste sich im Schock nicht anders zu helfen, als abzufahren und professionelle Hilfe anzufordern, obwohl sogar ein Teil des Körpers ihres Mannes aus dem Schnee ragte. Doch professionelle Hilfe kommt praktisch immer zu spät!

 

Um einen von einer Lawine Verschütteten lebend zu befreien, hat man höchstens 15 Minuten. In dieser Zeit kann nur Kameradenhilfe funktionieren. Das verdeutlichte auch der steirische Bergrettungsarzt Bernd Heschl – unter anderem anhand der Pulsaufzeichnung eines Lawinenopfers.

 

Lawinen-Prognosebericht bis 17 Uhr

Bei ihrem ersten Lawinensymposium 2015 forderten die Naturfreunde, dass der Lawinenlagebericht am Nachmittag und nicht am Vormittag erscheinen solle. Schließlich plant man eine Tour am Vorabend. Dieser Lawinen-Prognosebericht bis 17 Uhr wurde inzwischen in der Steiermark, Niederösterreich und Kärnten umgesetzt. Von den positiven Erfahrungen damit berichteten Friedrich Salzer vom Lawinenwarndienst (LWD) Niederösterreich und Alexander Podesser vom LWD Steiermark. Eine Online-Umfrage des LWD NÖ zeigte, dass über 83 Prozent der NutzerInnen diese Umstellung für eine Verbesserung halten.

 

Ausbildungskonzept „W3 neu“

Bernd Zenke ging in seinem Vortrag auf das bereits 2015 vorgestellte Ausbildungskonzept „W3 neu“ der Naturfreunde ein. Er erklärte in Vertretung des erkrankten Mitveranstalters Martin Edlinger von den Naturfreunden (Abteilung Bergsport, Schitouren), warum das kompetenzorientierte W3-Konzept die Verschüttetensuche und den Lawinenlagebericht an den Beginn der Ausbildung stellt: weil auch EinsteigerInnen jederzeit in die Lage kommen können, nach einem Lawinenabgang helfen zu müssen.

 

Rechtliche Situation

Ein Vortragsblock zur Materie „Recht“ zog das Publikum auch durch einen dramaturgischen Kniff in den Bann. Ein Schitourenunglück am Seckauer Zinken in der Steiermark 2007 wurde aus der Sicht mehrerer beteiligter Experten aufgerollt: aus der Sicht des Alpinsachverständigen Franz Deisenberger, des Bergrettungsarztes Bernd Heschl, des Staatsanwalts Walter Plöbst, des Alpinpolizisten Klaus Pfaffeneder sowie des Sachverständigen und Symposiummitveranstalters Arno Studeregger. Die Ermittlungen gegen den überlebenden Sportler wurden von der Staatsanwaltschaft schließlich eingestellt. Das Gericht kam damals nicht zum Zug; beim Symposium machte die Richterin Dalia Tanczos jedoch deutlich: „Berge sind kein rechtsfreier Raum! Standardkenntnisse zur Vermeidung von und zur Hilfe nach Lawinenunglücken erwartet die Rechtsprechung nicht nur von professionellen Bergführern, sondern auch von jedem, der sich ins Gelände begibt.“

 

Respekt vor dem Unglück anderer

Sachverständiger Deisenberger zitierte – „in Zeiten sozialer Medien leider notwendig“ – am Ende seines Vortrags Klaus Hoi, den langjährigen Leiter der Berg- und Schiführerausbildung in Österreich: „Ich warne entschieden, bei Alpinunfällen vorschnell mit Kritik und Besserwisserei zur Hand zu sein. Dem Unglück anderer sollten wir mit Respekt begegnen, daraus zu lernen versuchen und nicht mit Überheblichkeit reagieren.“

 

Wer das Lawinensymposium der Naturfreunde miterlebt hat, wird dies sicher beherzigen. Nicht zuletzt aufgrund Dietmar Scherjaus Vortrag. 2014, acht Jahre nach dem Unglück, sah er bei einer Entspannungsübung das Geschehene plötzlich wie einen Film ablaufen. Er und seine beiden Freunde am Sessellift, es wird gescherzt und gelacht. „Ein lässiger Schitag.“ Zehn Minuten steigen sie bei Lawinenwarnstufe zwei bis drei zum Sattel auf, um einzeln im Tiefschnee hinunterzusurfen. Scherjau, der Erfahrenste, voraus. Als er sich am vereinbarten Haltepunkt umdreht, fährt ein Freund unmittelbar hinter ihm, lächelt glücklich. Er hat den Entlastungsabstand nicht eingehalten. Warum? Es ist nichts passiert. Freund zwei fährt los, zwei Schwünge, er zieht zu weit Richtung Rinne. Scherjau schreit, fuchtelt mit den Armen, sein Freund solle dort nicht hinfahren. Wumm! Hinter dem Schifahrer taucht ein Riss auf. Die beiden Stehenden schauen sich an. „Weg von da, schnell!“, ruft Scherjau und greift zur Bindung. Dann zieht es ihm den Boden unter den Füßen weg.

 

Internationale Referenten, ausgebuchte Workshops

Neben Vortragenden aus Österreich und Bayern hielten auch Thomas Stucki vom Schweizer WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, Rune Engeset, Leiter des norwegischen Lawinenwarndienstes, sowie der gebürtige Grazer Johannes Chudoba aus Kirgisistan, der versucht, den Lawinenwarndienst in Zentralasien aufzubauen, spannende Referate.

 

Sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag gab es parallel zu den Vorträgen je zwei bestens besuchte Workshops, u. a. mit Helmuth Preslmaier von den Naturfreunden über die richtige Tourenplanung

 

Text: Christof Domenig, Chefredakteur des Magazins „SPORTaktiv“

Namhafte Vortragende aus dem In- und Ausland machten das Lawinensymposium zu einem informativen Erlebnis. Bernd Zenke erklärte das W3-Ausbildungskonzept der Naturfreunde und trat dafür ein, die Kameradenrettung viel intensiver zu trainieren, als es oft getan wird.
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