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Der krönende Abschluss: Auf seiner Expedition war das Alpinkader-Damenteam die erste reine Bergsteigerinnengruppe in Mestia. Am Tetnuldi meisterte es seine erste Rettungsaktion, am Gulba seine erste Erstbegehung.

Der Gipfel der gemeinsamen Zeit

77 Stunden in Öffis bis nach Georgien, ein schmerzlicher Prüfstein und eine Erstbegehung im Kaukasus: Die vierwöchige Abschlussexpedition des Damen-Alpinkaders der Naturfreunde im September 2025 bildete zwar das Finale der Ausbildung, aber nicht das Ende der gemeinsamen Zeit. Was für ein Team!

Text: Marlies Lattner-Czerny, Fotos: Andreas Lattner

 

Das Abenteuer begann lange vor dem ersten Schritt auf einen Berg: Die fünf Alpinistinnen des Damen-Alpinkaders reisten mit ihrer Ausbildnerin Barbara Vigl komplett mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrer Abschlussexpedition nach Georgien an – einmal quer durch Europa bis tief hinein in den Kaukasus. Von Innsbruck ging es Anfang September 2025 mit dem Zug nach Wien, weiter über Bukarest und Istanbul und schließlich per Nachtbus und Kleinbus bis zur georgischen Kleinstadt Mestia, dem Ausgangspunkt ihrer Unternehmungen. 3430 Kilometer, 77 Stunden unterwegs, davon 61 Stunden in Bus und Bahn – und nicht eine Minute langweilig. In Bukarest blieb Zeit für einen Stadtbummel. Istanbul empfing das Alpinkader-Team mit Hitze und politischen Diskussionen mit Taxifahrern – und mit Baklava zum Frühstück. Die 23-stündige Busfahrt nach Georgien war weniger mühsam als erwartet, die nächtlichen Grenzübertritte zu Fuß waren allerdings echte Abenteuer. Und als um neun Uhr morgens der erste georgische Rotwein in einem Plastikbecher gereicht wurde, fühlte sich die Reise schon vor der Ankunft außergewöhnlich an. Babsi Vigl war positiv überrascht: „Eine Anreise mit Öffis kann nicht nur reibungslos möglich sein, sondern auch echt Spaß machen – vorausgesetzt, man hat das richtige Team, eine Notfallschlaftablette und guten Proviant eingepackt.“

 

 

Zwischen Regenpausen und Routenplanung

In Mestia angekommen, brachte schlechtes Wetter die notwendige Ruhe. Die Tage waren gefüllt mit Tourenplanung, Gesprächen mit Locals, dem Erkunden der neuen Bergregion und dem Liebgewinnen der georgischen Straßenhunde. Als sich das erste stabile Wetterfenster öffnete, waren die Akkus voll und alle für den Tetnuldi, eine faszinierende Pyramide aus Schnee und Eis, hoch motiviert. Am 13. September stieg ein Teil der Gruppe ins 3700 Meter hohe Basislager auf. Tags darauf, noch in der Dunkelheit, startete die Seilschaft zum vergletscherten Gipfel auf 4858 Metern.

Kurz vor dem Gipfel kam es jedoch zu einem Zwischenfall: Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verletzte sich eine Teilnehmerin. „Pech, Zufall, materielles Versagen, zur falschen Zeit am falschen Ort – in den Bergen gibt es ein Restrisiko, das niemand beeinflussen kann“, resümieren die Bergsteigerinnen. Doch alles, was danach geschah, war keine Sache des Zufalls. Das Team funktionierte perfekt: mit klarer Kommunikation und absoluter Konzentration. „Jede wusste zu jeder Zeit, was sie tun musste, wir waren bedingungslos füreinander da. Und so meisterten wir gemeinsam die lange Rettung und Bergung.“ Die verletzte Kameradin wurde sicher ins Tal gebracht.

Dieser Moment zeigte stärker als alle Gipfelbesteigungen davor, was die Alpinistinnen seit April 2024 während ihrer gemeinsamen Alpinkader-Zeit gelernt hatten. „Wir waren immer eine unzertrennbare Einheit und haben uns ein wahnsinniges Wissen angeeignet, das uns sogar in einer solchen Ausnahmesituation einen Ausweg gezeigt hat“, erzählt Teammitglied Elena Prem.

 

Die Erstbegehung: ein stiller Höhepunkt

Trotz des Schreckmoments gelang dem Team später ein besonderer Erfolg: eine neue Route, eine gemeinsame Erstbegehung in den wilden, einsamen Wänden des Kaukasus. Lange Zustiege, abgelegene Biwaks und viel unberührter Fels machten diese 500 Meter lange Abenteuerkletterei (6+) auf den Gulba (3725 m) zu einer Expedition im ursprünglichen Sinn. „Wir haben genau das gefunden, was eine Expedition von einer Reise unterscheidet“, sagt Babsi Vigl. „Neues wagen und entdecken, schwere Rucksäcke schleppen, Regentage überstehen, Pläne schmieden, verwerfen und neu erfinden – und schließlich als noch bessere Freundinnen heimgekommen, mit neuen Erinnerungen und neuen Plänen für die Zukunft.“

 

 

Ein Ende, das ein Anfang bleibt

Der erste reine Frauen-Alpinkader wird den Naturfreunden in besonderer Erinnerung bleiben. „Dass diese Ausbildung geendet hat, heißt nicht, dass wir nicht mit den Teilnehmerinnen in Verbindung bleiben werden“, meint Babsi Vigl. Was bleibt? Für Babsi Vigl ist es vor allem eine Erkenntnis: „Ein tolles Team ändert alles!“ Ob die lange Öffi-Reise nach Asien, die erste reine Bergsteigerinnengruppe in Mestia zu sein, die erste gemeinsam gemeisterte Krisensituation oder die erste Erstbegehung: Mit Vertrauen, Freundschaft und Humor verwandelte das Damenteam Herausforderungen in unvergessliche Erinnerungen. Und selbst wenn ihre Alpinkader-Zeit vorbei ist – die Seilschaften bleiben fürs Leben.

 

Die gute Nachricht für alle Nachwuchsbergsteigerinnen: 2026 wird ein neuer Damen-Alpinkader der Naturfreunde starten. Babsi Vigl: „Es wird ein neues Team entstehen, und das Alpinkader-Projekt wird weiterlaufen – dank der guten Arbeit aller Beteiligten.“

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