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Warum wir weit(er) wandern

Die Sehnsucht, sich vom Alltag eine Auszeit zu nehmen, bringt so manchen von uns auf Wege, die einen näher zur Natur führen – und zu sich selbst. Neu ist der „Weg der Achtsamkeit“, der in fünf Tagen vier Täler im Herzen Oberösterreichs verbindet.

Text: Marlies Lattner-Czerny, Fotos: Andreas Lattner-Czerny, hochzweimedia

 

Weg von Bildschirmen, Terminen und Dauerton. Hin zu etwas, das leiser ist – und zugleich nachhaltiger. Wandern auf Pilgerwegen liegt im Trend. Nicht aus religiösen Motiven, sondern aus einem Bedürfnis heraus, das viele teilen: sich wieder zu hören und zu spüren. „Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann“, schrieb der dänische Philosoph, Theologe und Schriftsteller Søren Kierkegaard – und bringt es damit auf den Punkt: Alles, was es braucht, ist ein Weg – und die Zeit, ihn zu gehen. Zum Beispiel den Weg der Achtsamkeit, einen im Mai 2025 eröffneten Weitwanderweg durch das ebenso sanfte wie wilde Herz Oberösterreichs. In fünf Etappen führt er auf fast 100 Kilometern vom Bergsteigerdorf Grünau durch das Alm-, Brunnen-, Steyr- und Kremstal – durch Landschaften, die nicht laut beeindrucken, sondern still berühren. Ein Weg, der weniger verspricht als andere und gerade dadurch viel hält.

 

Im Gehfluss

Schon die ersten Schritte entlang der kristallklaren Alm machen es leicht, einen Rhythmus zu finden. Das Wasser gluckst über Steine, Licht bricht sich im Grün der Ufer, und irgendwo zirpt zwischen Gräsern und Blüten ein Orchester. Wer hier geht, kommt in den Gehfluss. Die mächtigen Berge des Toten Gebirges rücken langsam näher. Im Schritttempo entsteht Raum – zum Schauen, zum Hören, zum (In-sich-)Gehen.

Pilgern heißt nicht, ständig Großes erleben. Oft sind es die kleinen Momente, die Großartiges bewirken: Tautropfen, die sich auf den Blättern eines Frauenmantels sammeln. Das Flattern eines Bläulings, der zum Tanz bittet. Der Duft von feuchtem Moos nach einem kurzen Regenschauer. Und ja, auch ein Traktor, der ratternd daran erinnert, dass wir uns in einer Kulturlandschaft bewegen. Achtsamkeit heißt nicht Abgeschiedenheit, sondern Wahrnehmung.

Vorbei an inspirierenden Orten

Acht Impulse laden entlang dieses Weitwanderwegs dazu ein, die Aufmerksamkeit zu schärfen – für die Umgebung und für das eigene Innenleben. „Nicht das Problem macht die Schwierigkeiten, sondern unsere Sichtweisen“, lautet ein Gedanke von Viktor Frankl, der für einen der Impulse ausgesucht wurde. Es gibt Achtsamkeitsübungen für den Alltag, Impulse zum Anhören, Meditationen und Impuls-Postkarten zum Downloaden.

 

Der „Weg der Achtsamkeit“ verbindet spirituelle Orte, Kraftplätze wie den Grillenparz und den smaragdgrünen Steyrdurchbruch mit himmlischen Ausblicken wie jenen am Herrentisch im Toten Gebirge. Der Blick von dieser Aussichtskanzel hinunter zu den Ödseen und hinauf zu den gewaltigen Wänden des Schermbergs lässt erahnen, wie klein der eigene Alltag ist.

Die Wallfahrtskirche Frauenstein mit ihrer Schutzmantelmadonna öffnet einen Blick in die Geschichte des Glaubens. Das Stift Schlierbach steht für Stille und Sammlung – und nicht zu vergessen für den göttlichen Käse! Und mit dem Rangjung Yeshe Gomde (= Ort des Kennenlernens mit natürlich entstandener Wachheit) bei Scharnstein, einem internationalen buddhistischen Zentrum, spannt der Weg einen weiten spirituellen Bogen, der für jede und jeden offen bleibt.

Dazwischen liegen Wälder, Wiesen, Bergpfade, Güterwege, Flussufer. Das Steyrtal zeigt sich rauer, ursprünglicher. Im Kremstal wird die Landschaft weiter und weicher. Sanfte Hügel, unzählige Grünschattierungen, Fernblicke bis zu den alpinen Konturen am Horizont. Man muss nicht das Land verlassen, um neue Welten zu entdecken.

„Vor allem aber sollen die Gedanken nachhallen können“, heißt es in einem der Impulse. Am besten weit über die Tour hinaus. Tatsächlich braucht es Zeit, um sich einzugehen. Zwei, drei Tage, bis der innere Lärm leiser wird. Bis die Schritte gleichmäßiger werden. Bis sich das Wesentliche von selbst nach vorne schiebt. Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause – und nichts klärt den Kopf so sehr wie das Gehen.

Ein Weg, der wirkt

„Der ,Weg der Achtsamkeit‘ ist eine Antwort auf die Sehnsüchte unserer Zeit. Immer mehr Menschen leiden unter Dauerstress und Reizüberflutung. Damit wächst die Sehnsucht nach Entlastung und Entspannung“, sagt DI Günther Humer, M. Sc., der Ideengeber für diesen Weg. „Er lädt ein, aufzubrechen, mit allen Sinnen wahrzunehmen, bei sich selbst anzukommen und die eigene Spiritualität zu entfalten. Die Kombination aus einzigartigen Naturerlebnissen und angeleiteten Meditationen wirkt als Gegenpol zum oftmals stressigen Alltag.“

 

Achtsamkeit werde dabei auf wohltuende Weise erlebbar, meint Humer, der das Referat Regionale Zukunftsgestaltung in Oberösterreich leitet. „Sie entfaltet eine Reihe von inzwischen auch wissenschaftlich belegten Wirkungen: Blutdruck und Herzfrequenz werden gesenkt, die Konzentrationsfähigkeit wird verbessert, die Stressresistenz wird erhöht, negative Gefühle werden vermindert, und das körperliche und seelische Wohlbefinden werden verbessert.“

 

Das kann man nur bestätigen, wenn man zurück nach Grünau im Almtal gelangt, wo sich am Ende der Kreis beim Haus der Achtsamkeit schließt. Doch wer hier ankommt, merkt schnell: Dieser Weg endet nicht wirklich. Er setzt sich fort – im Alltag, im bewussteren Blick, im langsameren Schritt. Vielleicht ist das der Reiz der neuen Pilgerwege: Sie wollen kein Ziel sein, sondern ein Anfang.

 

Weg der Achtsamkeit

Etappe 1: Grünau im Almtal–Almtalerhaus

Vom Haus der Achtsamkeit in Grünau führt der Weg entlang von Grünaubach und Alm sanft ins Almtal hinein. Wasser, Wald und erste Blicke ins Tote Gebirge begleiten den Start, ein Abstecher zu den Ödseen lohnt sich. Mit wachsender Bergkulisse rücken die Gedanken in den Hintergrund, bis das urige Almtalerhaus als erstes Ziel erreicht ist.

Schwierigkeit:  oo

Toureninfo: 17,5 km/ca. 400 Hm ↑/ca. 5 Std.

 

Etappe 2: Almtalerhaus–Klaus an der Pyhrnbahn

Wo das wilde Herz schlägt: Diese sehr alpine Etappe führt über den Ringsattel ins Steyrtal. Am Herrentisch öffnet sich der Blick auf Ödseen und die Nordwand des Schermbergs. Durch das Brunnental und entlang der Steyrling geht es ruhig hinab nach Klaus am Klauser Stausee.

Schwierigkeit: oooo

Toureninfo: 20,5 km/ca. 740 Hm ↑/6,75 Std.

 

Etappe 3: Klaus an der Pyhrnbahn–Schlierbach

Wälder, Wege, Wallfahrer*innen: Nach dem Steyr-Uferwechsel führt ein Waldweg zur Wallfahrtskirche Frauenstein. Über den Steyrdurchbruch geht es ins hügelige Kremstal, vorbei an der Burg Altpernstein und am Kraftplatz Grillenparz. Ziel sind das Stift Schlierbach und eine erholsame Unterkunft im Hotel SPES.

Schwierigkeit: oooo

Toureninfo: 23,8 km/1148 Hm ↑/ca. 8,25 Std.

 

Etappe 4: Schlierbach–Pattenbach-Scharnstein

Das Leben spüren: Zwischen Zivilisation und Rückzug verläuft diese Etappe durch Felder, über Hügel und wieder ins Grüne. Über Magdalenaberg und Heiligenleithen kehrt man zur Alm zurück. In einem Vierkanthof bei Scharnstein wartet mit dem Internationalen buddhistischen Zentrum für Meditation und Studien Rangjung Yeshe Gomde ein besonderer Ort der Stille.

Schwierigkeit: ooo

Toureninfo: (25,7 km/ca. 600 Hm ↑/ca. 7,5 Std.

 

 

Etappe 5: Scharnstein–Grünau

Leicht und ruhig geht es am letzten Tag zurück nach Grünau. Ein Kraftplatz ist die über 500 Jahre alte Linde bei Viechtwang. Entlang der Alm und über den Flösserweg schließt sich der Kreis beim Haus der Achtsamkeit – mit dem Gefühl, innerlich weitergekommen zu sein.

Schwierigkeit: oo

Toureninfo: 14 km/ca. 180 Hm ↑/ca. 4 Std.

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