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Eisklettern im Wandel der Zeit

In Österreich gibt es wunderbare Eisklettermöglichkeiten, zum Beispiel im Maltatal, Gasteinertal, Raurisertal und am Pitztaler Gletscher. Man sollte sich allerdings nur mit einer guten Ausbildung ins eisige Vergnügen stürzen!

Vom reinen Eis- zum Mixed-Klettern

Wo der Sport Eisklettern seine genauen Wurzeln hat, ist nicht belegt. Sicher ist, dass schon Ende des 19. Jahrhunderts Schotten im Eis kletterten. Der erste Eisfall, der in Österreich aus sportlichen Motiven bezwungen wurde, war der Gaislochsteig auf der Rax. Er wurde schon vor mehr als hundert Jahren im Winter regelmäßig geklettert.

 

Von der Dachrinne hängen lange Eiszapfen. Ich warte darauf, von meinem langjährigen Kletterpartner zum Eisklettern abgeholt zu werden. Es ist zwar kalt, gefühlte minus 10 °C, aber die strahlende Sonne macht es angenehm warm. Leider wird dieses angenehme Gefühl nicht lange dauern, weil die dafür nötigen gefrorenen Wasserfälle in der Regel an Orten wachsen, an denen die Sonne eher selten vorbeischaut.

Als wir auf dem nur dürftig vom Schnee befreiten Parkplatz aus dem Auto steigen, kann ich einen doch recht eindeutigen Anstieg meines Pulsschlags bemerken. Wir sortieren unsere Ausrüstung - Eisklettern ist eine wahre Materialschlacht - und gehen los. Schon nach einem kurzen Zustieg sehen wir unser heutiges Projekt in seiner vollen Größe. Die Eisqualität entspricht allerdings nicht unseren Vorstellungen … Unten eine freistehende Säule, im Mittelteil gut am Fels angewachsen und breiter. Der Ausstieg wieder steil und  trichterartig zusammenlaufend.

 

Die Entwicklung zum „modernen“ Eisklettern wurde von schottischen Bergsteigern vollzogen. Sie begannen in den 1950er-Jahren die winterlich vereisten Felsrinnen und Gullys am Ben Nevis zu erklettern, wobei auch senkrechte Passagen mit haarsträubend dünner Eisauflage bewältigt wurden.

Der für das Eisgehen und leicht geneigtes Eis entwickelte „Führerpickel“ war für eine Steigerung der Kletterschwierigkeit ungeeignet. Der Engländer John Cunningham und der Amerikaner Yvon Chouinard entwickelten daher kurze Eispickel mit stark abfallender Haue bzw. radialer Spitzenkrümmung. Diese neuen Eisgeräte hatten eine bessere Ankerwirkung, und das Steileisklettern erfuhr nun unter anderem in den USA einen Aufschwung.

 

Schon beim ersten Einschlagen dringt das Eisgerät tief ins Eis ein – eigentlich gut. Doch es fließt auch relativ viel Wasser über den Fall. Dieses findet jetzt schon seinen Weg zwischen Handschuhe und Ärmel zu meiner Haut. Die erste Seillänge gestaltet sich durchgehend feucht. Beim Stand unter einem mächtigen Eisvorhang angekommen mache ich eine Verschnaufpause.

 

In unseren Breiten begannen erst in den 1970er-Jahren einige „Verrückte“, an gefrorenen Wasserfällen hochzuklettern: Der „Wiener Kreis“ um dessen Mitbegründer James Skone machte sich auf, Eisfälle in Österreich mit der schottisch-amerikanischen Eistechnik zu besteigen. Zuerst im Einzugsgebiet Wiens, dann wurde der Radius erweitert. Speziell das Gasteinertal wurde zum Eiskletter-Mekka. Hier konnte auch der Linzer Bergführer und Eiskletterveteran Edi Koblmüller in dieser Zeit viele Erstbegehungen verbuchen. Seine Routennamen dokumentieren sehr gut, wie man sich mit der damaligen Ausrüstung gefühlt haben muss: „Adrenalin“, „Russisches Roulett“, „Mordor“, „Weißer Hai“.

Im Lauf der Jahre wurden ergonomisch geformte Steileisgeräte mit einem gekröpften Schaft sowie Fingerauflagen entwickelt. Sie verbinden effizientes Schlagen mit kraftsparendem Halten. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch bei den Steigeisen. Die Sicherungstechnik wurde durch die hohle Eisschraube mit Feingewinde revolutioniert. Die anfangs eingesetzten „Korkenzieher“ sowie andere Volleisschrauben mit Grobgewinde verloren an Bedeutung. Die verbesserte Kleidung, u. a. aus Funktionsfasern, hält den Körper länger warm und gestaltet das Sichern somit angenehmer.

 

Ich kann meinen Kletterpartner nicht mehr sehen. Das Seil bewegt sich zuerst unendlich langsam, dann immer vor und zurück. Ich friere. Ich beginne, meine Finger und Zehen zu bewegen. Als letzten Ausweg zähle ich die Sekunden. Bei 954 höre ich das erlösende „Stand!“. Endlich kann ich weiterklettern.

 

In den 1990er-Jahren begann der große Boom. Immer steilere Eissäulen, immer dünneres Eis, mit Felspassagen durchsetzt, wurden in Angriff genommen. Alpinistinnen/Alpinisten und Sportkletterinnen/-kletterer entdeckten in der Welt des Eises neue Herausforderungen.

Ein Vorreiter in Österreich war Andreas Orgler. Ihm wurde für seine Leistungen 1996 der „Piolet d’Or“ (Goldene Eispickel = Oscar des Extrembergsteigens) verliehen. Seine Bilanz: rund 70 Erstbesteigungen im Eis (Pinnistal, 1991: Metamorphose, 7; 1992: Himmelsleiter, 1. Begehung, 7).

 

„Hey, pass auf!“ Da rutscht schon nasser Schnee über den Eisfall herunter. Auf einmal sehe ich nichts mehr – überall ist Schnee, und ich bin mir nicht sicher, ob ich noch stehe oder bereits nach unten gespült werde. Die Eisgeräte in meiner Hand kann ich noch spüren – ein gutes Zeichen! Als der Druck und der Fluss des Schnees nachlassen, entdecke ich meinen Seilpartner auf einem kleinen Plateau in einem Schneehaufen stehen.

 

Die Entwicklung verlagerte sich zunehmend vom reinen Eisklettern zur Kombination Eis mit Fels, zum „Mixed“. Das war dadurch bedingt, dass mit Routen wie „La Lyre“ in Frankreich oder „Riptide“ in Kanada der siebente Grad im reinen Eis (WI 7) erreicht war - damit waren die Schwierigkeiten erschöpft. Die Gebrüder Lowe aus Kanada leiteten mit ihren Begehungen den modernen Stil des Eiskletterns ein. Als erste echte Mixed-Route gilt Octopussy (M8) in Vail (Colorado/USA), erstbegangen durch Jeff Lowe 1994.

 

Nun haben wir ein Problem: Die Eisauflage ist sehr gering, teilweise gar nicht mehr vorhanden. Wir müssen auf den Fels ausweichen und somit auch umdenken. Mein Kletterpartner steigt nun vor. Seine sonst so präzisen Bewegungen wirken hastig. Man kann die Anspannung spüren. Die notwendige Kletter- und Sicherungstechnik ist komplett anders. Wir platzieren die Eisgeräte und Steigeisen mit viel Gefühl auf kleinen Felsvorsprüngen bzw. in Rissen und verkeilen sie.

 

Beim Mixed-Klettern erfolgt die Fortbewegung mithilfe von Steigeisen und Eisgeräten. Es wechseln sich Eispassagen mit Stellen ab, in denen man zum Teil oder ausschließlich in meist sehr steilem bzw. überhängendem Fels klettert.

In den letzten Jahren waren es Athleten wie Will Gadd (Kanada), Robert Jasper (Deutschland) sowie Albert Leichtfried und Markus Bendler (beide aus Österreich), welche die Kletterschwierigkeiten stetig in die Höhe trieben. Es entstanden Touren wie „Batman“ & „Flying Circus“ (Erstbegeher Robert Jasper), „Illuminati“ & „Game Over“ (Erstbegeher Albert Leichtfried) und „Law and Order“ (Erstbegeher Markus Bendler). Sie stellen das momentane Maximum des Leistungsspektrums dar.

 

Aha, noch ein letzter steiler Eiswulst und dann stehe ich im geneigten Bachbett. Von hier gelange ich recht schnell zum Stand meines Kletterpartners. Diskussion: Können wir uns an einem dünnen Baum abseilen? Wir prüfen, indem wir ihn von links nach rechts biegen; es müsste gehen!

 

Eisklettern ist aber nicht nur Spitzensportlerinnen/-sportlern mit eisernen Nerven vorbehalten. „NormalverbraucherInnen“ können an gefrorenen Bächen sowie im gestuften Gelände die Faszination des Eiskletterns erleben.

Aber natürlich ist Eisklettern eine Risikosportart. Objektive Gefahren wie Lawinen und Eisschlag müssen richtig eingeschätzt werden. Außerdem verändern die Touren mit der Jahreszeit sehr stark ihren Charakter, und über weite Strecken gilt: „Stürzen verboten!“ Trotzdem kann man mit Verstand und Vorsicht die Gefahr auf das berühmte Restrisiko reduzieren. Das Wichtigste ist jedoch eine gute Ausbildung in Kursen mit staatlich geprüften Bergführerinnen/-führern.

 

Text: Stefan Zoister, Eiskletterer, Berg- & Skiführer

Im Bild der Eiskletterer Albert Leichtfried
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