Text und Fotos: Martin Edlinger, Leiter der Abteilung Bergsport & Schitouren bei den Naturfreunden Österreich
Während im Tal längst der Frühling dominiert, hält sich der Schnee in den Bergen hartnäckig. Oberhalb der Baumgrenze, auf schattigen Nordhängen oder in alten Lawinenkegeln bleiben Restschneefelder bis in den Sommer bestehen. Wenn Winterschnee tagsüber antaut und nachts gefriert, entsteht eine harte glatte Oberfläche, die schnell zu einer Rutschbahn wird. Selbst mäßig geneigte Hänge können gefährlich sein; in steilem Gelände droht bei einem Sturz rasch unkontrollierbare Geschwindigkeit bis hin zu einem Absturz über Felsen. Unfallstatistiken zeigen, dass die Gefahr des Ausrutschens häufig unterschätzt wird.
Eine sorgfältige Tourenplanung ist die wichtigste Grundlage für sicheres Unterwegssein. Informiere dich vor einer Tour über die aktuellen Schnee- und Wetterverhältnisse und berücksichtige, dass sich die Bedingungen je nach Hangausrichtung stark unterscheiden können – etwa wenn ein Weg von einem sonnseitigen Hang in schattige nordseitige Hänge führt. Route, Kondition und alpine Erfahrung sollten für alle in der Gruppe passen, denn Überforderung und Ermüdung begünstigen Fehlentscheidungen. Zur passenden Ausrüstung gehören stabile Bergschuhe mit Profilsohle, Stöcke sowie im Frühjahr oft auch Spikes oder Grödel; im alpinen Gelände können zusätzlich Steigeisen und ein leichter Pickel sinnvoll sein.
Vor dem Betreten eines Schnee- oder Firnfeldes sollte die Situation immer kritisch beurteilt werden. Entscheidend für das Risiko sind vor allem die Steilheit (besonders ab etwa 30 Grad), der Auslaufbereich unterhalb des Schneefeldes, die Schneebeschaffenheit (weicher Sulzschnee oder harter Firn), die vorhandene Ausrüstung sowie die eigene Gehtechnik und Trittsicherheit. Ein Firnfeld lässt sich nur dann relativ sicher queren, wenn die oberste Schneeschicht bereits leicht aufgeweicht und trittsicher ist. Ist der Schnee hart, der Hang zu steil, fehlt eine Spur oder endet der Auslauf in Felsen, sollte man auf jeden Fall umkehren – vor allem, wenn die passende Ausrüstung wie Spikes, Steigeisen oder Pickel fehlt.
Ist ein Schneefeld passierbar, hilft eine saubere Gehtechnik: aufrechte Haltung und der Körperschwerpunkt zentral über den Füßen. Kleine, feste und kontrollierte Schritte erhöhen die Stabilität. Wanderstöcke unterstützen das Gleichgewicht, ersetzen aber keinesfalls ein gutes, stabiles Schuhwerk. Kleidung, die den ganzen Körper bedeckt (Handschuhe nicht vergessen!), schützt vor scharfkantigem Firn, der bei einem Sturz schnell Schnittwunden verursacht.
Kommt es trotz aller Vorsicht zu einem Sturz, zählt jede Sekunde. Wer zu rutschen beginnt, sollte sofort versuchen zu bremsen – noch bevor die Geschwindigkeit so groß wird, dass sie nicht mehr kontrollierbar ist. Dazu dreht man sich möglichst rasch auf den Bauch, mit dem Kopf hangaufwärts. In Liegestützposition können Arme und Beine bremsend in den Schnee gedrückt werden, um die Geschwindigkeit zu verringern. Wer einen Pickel dabei hat und den Umgang damit sicher beherrscht, kann ihn zusätzlich zur Selbstsicherung einsetzen.
Schneefelder üben auf Kinder eine große Anziehung aus – zum Spielen, Rutschen oder Herumtollen. Deswegen ist besondere Aufmerksamkeit gefragt. Schneefelder sollten mit Kindern nur bei flacher Neigung und mit hindernisfreiem, steinfreiem Auslauf betreten werden. Erwachsene sollten die Situation vorher sorgfältig beurteilen und klare Grenzen setzen, damit aus dem vermeintlichen Spielplatz keine Gefahrenstelle wird.
Wer mit Umsicht plant, vorsichtig unterwegs ist und seine Grenzen respektiert, erlebt die Berge von ihrer schönsten Seite. Also: gute Vorbereitung, offenes Auge, Bauchgefühl – und im Zweifel lieber umdrehen. Dann bleibt mehr Zeit fürs Wesentliche: gemeinsam die Bergwelt genießen.