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Gut erhalten: Maria Kittl klettert für ihr Leben gern - am Fels und im Winter in der Halle.

Die Jahrhundertkletterin

In ihrem 95. Lebensjahr noch regelmäßig zu klettern ist für Maria Kittl kein Wunder, sondern Programm: Die Bad Ischlerin trotzt dem Älterwerden und der Schwerkraft wie keine Zweite. Jetzt erscheint über ihr Leben ein Buch, das Mut macht.

Text: Marlies Lattner-Czerny, Fotos: Andreas Lattner-Czerny, hochzwei.media

 

Als Maria Kittl geboren wurde, 1931, fuhren Kutschen durch Bad Ischl, es gab kein Telefon im Haus, der Mount Everest war unbestiegen, die Eiger-Nordwand noch unbezwungen. Heute werden diese Berge in Rekordzeiten gestürmt, und Maria checkt am Smartphone den Wetterbericht und schreibt ihrem Bergführer per WhatsApp: „Gehen wir übermorgen klettern?“ Eines hat sich über die Jahrzehnte nicht verändert: Maria Kittls Liebe zur Bewegung und zum Fels. Mit 94 Jahren klettert die Oberösterreicherin immer noch regelmäßig Mehrseillängen-Routen in der Ewigen Wand hoch über dem Hallstätter See oder in der Kletterhalle. Ihr Herz leistet nur noch 30 Prozent, und trotzdem trainiert sie jeden Tag. Ihren Blick hat sie immer nach oben gerichtet, zum nächsten Griff. 

 

Maria, was bedeutet dir die Natur? 

Sehr viel. Ich bin seit meiner Kindheit draußen unterwegs, jede Pflanze ist eine Freude, jede Blume. Als kleines Mädchen hatte ich Keuchhusten, meine Großmutter ging mit mir auf die Postalm. Nach einem Monat an der frischen Bergluft war ich wieder gesund.

 

Dann kam der Zweite Weltkrieg …

Ja! Das war das Fürchterlichste. Ich erinnere mich ans Kriegsende, als die Häftlinge aus dem KZ Ebensee am Ende ihrer Kräfte am Straßenrand kauerten. Meine Großmutter backte Brot aus Sägespänen, ich fischte aus Hunger alte Kartoffelschalen aus dem Kompost. Was man bedenken muss: Solche Zustände gibt es immer noch auf dieser Welt, das ist entsetzlich. 

 

Wie bist du zum Klettern gekommen – zu einer Zeit, als kaum eine Frau am Fels unterwegs war? 

Ich bin Schirennen gefahren und habe bei den Landesmeisterschaften meinen Mann Robert Kittl kennengelernt. Als er 1960 die Bergführerausbildung beim Bundesheer begonnen hat, durfte ich mitkommen. Der Kommandant duldete mich, reichte mir aber eine Soldatenjacke und Kappe, damit ich als Frau nicht auffiel. So bin ich hineingerutscht. Mein Mann kletterte mit mir die schwersten Touren in unserer Heimat, am Dachstein und im Gesäuse, später in den Dolomiten. Er suchte oft Touren aus, die noch keine Frau durchstiegen hatte – so unternahmen wir viele Damen-Erstbegehungen, etwa im größten Dach der Alpen, an der Westlichen Zinne. Ich war immer nur im Nachstieg unterwegs. Auf den Montblanc ging ich aber alleine, der Normalweg hat meinen Mann nicht interessiert. Dort oben habe ich mich über der Welt gefühlt.

 

Hattest du auch Angst? 

Doch, vor allem um unseren Sohn. In die Eiger-Nordwand bin ich nie eingestiegen, die Gefahren waren zu groß – einer muss ja überleben, wenn man ein Kind hat. Zu Beginn sicherten wir nur an Schlaghaken und mit Schultersicherung. Dass wir diese Zeit überlebt haben, ist ein Wunder. Nach dreizehn Kletterjahren meinte mein Mann, wir hätten das Höchste erreicht. Von da an betrieben wir Reiten als Leistungssport.

 

Wann hast du zum Felsen zurückgefunden?

Nachdem mein Mann am Dachstein tödlich verunglückt war. Ich war um die 80 Jahre, da bat ich Klaus Hoi um einen Bergführer. Im Klettern fand ich wieder Halt. Ich sammelte Klettertage, war oft über 100-, 200-mal im Jahr am Fels. Es könnte ja jeder Tag der letzte sein.

 

Du hättest genug Gründe zu klagen: den frühen Tod deines Sohns, Brustkrebs, einen Schlaganfall, mit über 90 Jahren einen Oberschenkelhalsbruch. Was lässt dich immer wieder aufstehen?

Als mein Sohn mit 16 Jahren beim Drachenfliegen verunglückte, war für lange Zeit auch mein Leben aus. Aber Jammern hat mir noch nie geholfen. Nach dem Tod meines Mannes habe ich mir gesagt: Alles, was ich möchte, kann ich noch schaffen. Zwar nicht von heute auf morgen, aber beharrlich. Jede Schlüsselstelle, die man im Leben meistert, macht einen stärker.

 

Wie schaffst du es mit nur 30 Prozent Herzleistung immer noch an die Wand?

Ich starte jeden Morgen mit einem Turnprogramm. Die ersten zehn Minuten tun weh, dann wird es besser. Als junger Mensch fliegt einem vieles zu, im Alter muss man sich alles erarbeiten. Das Klettern ist mein Lebenselixier. Es trainiert Körper und Kopf – und ich freue mich jedes Mal, wenn ich meine Touren noch schaffe. Es ist einfach super, eine Wand hinaufzuklettern und mich danach abzuseilen. Einen Abstieg würden meine Knie nicht mehr mitmachen. Ich gehe immer klettern, wenn meine Bergführer Zeit haben.

 

Was wünschst du dir für die Zukunft? 

Ich möchte 100 Jahre alt werden – und immer noch klettern können.

Buchtipp

Marlies Lattner-Czerny

Mit fast 100 durch die Wand

 

Hardcover, 220 Seiten mit zahlreichen Fotos, Tyrolia-Verlag, ISBN 978-3-7022-4365-4, 28 €, Erscheinungstermin: 17. Oktober 2026

 

Maria Kittls Geschichte ist jetzt erstmals in einem Buch nachzulesen: Marlies Lattner-Czerny hat die Jahrhundertkletterin ein Jahr lang begleitet und ihr bewegtes Leben aufgeschrieben. Vorbestellungen sind bei der Autorin (hochzwei.media/jahrhundertkletterin) oder im Buchhandel möglich.

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