Text: Marlies Lattner-Czerny, Fotos: Andreas Lattner-Czerny, hochzwei.media
Mitte Juli 2026 machten die Zermatter Bergführer*innen Schlagzeilen: Sie stellten wegen akuter Steinschlaggefahr und tauenden Permafrosts ihre Touren aufs Matterhorn ein. Zur gleichen Zeit absolvierte das sechsköpfige Team des Damen-Alpinkaders der Naturfreunde Österreich wenige Täler weiter, in Argentière, das Ausbildungsmodul Hochtouren. Es sah mitten in der Hitzewelle den Montblanc schwitzen und lernte dabei, das Hochgebirge neu zu lesen.
Zur Vorbereitung auf die Besteigung der Aiguille d’Argentière übte Ausbildnerin Babsi Vigl mit den jungen Frauen, darunter vier Bergretterinnen, in einer riesigen Gletscherspalte Rettungstechniken. Sie verbesserte auf dem Cosmique-Grat ihr Seilhandling und demonstrierte in Firnflanken Sturzdynamiken.
„Die Planung einer Tour ist wie ein Puzzle: Man muss im Tal alle relevanten Faktoren zusammentragen, um sich ein möglichst gutes Bild von der jeweils aktuellen Situation im Hochgebirge zu machen“, erklärte Babsi Vigl. Sie zeigte dem Alpinkader-Team Recherchequellen wie das Portal chamoniarde.com, hinterfragte angesichts der sich verändernden Verhältnisse die Führerliteratur und analysierte Wetterkarten – u. a. den Verlauf der nächtlichen Wolkendecke und dessen Wirkung auf Schnee und Felsstabilität. „Früher musste man sich nicht so viele Gedanken über die Nullgradgrenze machen“, so Babsi Vigl, die vor 15 Jahren erstmals zum Bergsteigen nach Chamonix gekommen ist. „Vor wenigen Jahren waren Tage mit einer Nullgradgrenze über 4000 Metern eine Ausnahme. Heute ist 4000 das neue Normal. Manchmal liegt die Nullgradgrenze sogar über 5000 Metern. Der Steinschlag nimmt massiv zu, und Zustiege oder Abstiege, die jahrzehntelang Standard waren, sind plötzlich passé.“
Fünf Uhr früh, in mehr als 3000 Metern Höhe: Die Jacken wanderten in den Rucksack, ein T-Shirt reichte für den Zustieg zum Jardingrat der Aiguille d’Argentière, der sich wie eine elegante Linie über Türme, Scharten und Zinnen zieht, gerahmt von Gletschern. „Vom Anspruch her ähnelt er dem Teufelsgrat am Mont Blanc du Tacul – allerdings ist er dreimal so lang, und der Wegverlauf gleicht einem Labyrinth“, steht in der Führerliteratur. Kletterstellen im sechsten Grad, mit festen Bergschuhen und Biwakausrüstung: Das verlangt Kraft, Ausdauer, sauberes Seilmanagement – und eine gute Strategie.
Die jungen Alpinistinnen spulten stundenlang schöne Klettermeter, seilten sich ab, stiegen konzentriert in ausgeaperten Rinnen empor und packten an festen Stellen im goldenen Granit zu – es lief alles wie am Schnürchen. Dabei erlebte die Gruppe die dramatischen Veränderungen aus sicherer Entfernung: An den Nordwänden ringsum, etwa auf dem Viertausender Les Droites, donnerten immer wieder Lawinen aus Eis und Fels in die Tiefe.
Steinschlag, aufgeweichter Schnee, unüberwindbare Bergschründe: Das gab es immer schon – nur eben nicht in dieser Häufigkeit und Tragweite. Deshalb hatten die jungen Frauen für den Abstieg einen Plan B im Kopf. Sie biwakierten am Südgipfel der Aiguille d’Argentière. Der übliche Rückweg über den Glacier du Milieu verengte sich im Mittelteil zu einem steinschlaggefährdeten Couloir samt Wasserfall. Sicherer, wenn auch technisch anspruchsvoller: eine Abseilfahrt über eine mit Kettenständen ausgestattete Route durch die Südwand, danach nur noch ein kurzes Stück über den Gletscher. Dank Vorabrecherche und effizientem Seilmanagement gelang der Abstieg am nächsten Morgen ebenso sicher wie schnell.
Wie sich manche Schlüsselstellen kreativ umgehen lassen, zeigte Alpinkader-Teilnehmerin Lorena Niescher. Die 23-Jährige verbrachte vor dem Hochtouren-Modul bereits zwei Monate in Chamonix und packte neben der Hochtourenausrüstung gerne einen Gleitschirm mit in den Rucksack. Mit diesem ersparte sie sich Abstiege über heikle Gletscherpassagen oder das berüchtigte Grand Couloir am Montblanc. Eine Landung direkt am Eccles-Gletscher als Zustiegsoption zum Brouillardpfeiler oder ein Flug nach einer Klettertour vom Gipfel des Montblanc? Für Lorena ist dies ein spielerisches Element in einem Sport im Wandel, ohne dabei den Respekt vor dem Berg zu verlieren.
Lisa Perwitzschky hob bei einer Jause in der Argentière-Hütte eine Sache hervor, die sie vom Hochtouren-Modul mit nach Hause nimmt: ein gutes Gefühl für Gletschertouren. Sonst waren es meist ihr Vater, Bergführer, und andere Seilpartner, die das Seil in die Hand nahmen. „Jetzt traue ich mir zu, selbst eine Gletscherseilschaft zu führen. Zu wissen, dass ich mich selbst und auch andere retten kann, gibt mir unglaublich viel Sicherheit.“
Eine weitere Erkenntnis des Damen-Alpinkader-Teams: In Zukunft wird nicht die stärkste Seilschaft die erfolgreichste sein, sondern jene, die die Berge am besten zu lesen versteht und immer wieder neue Wege findet, ihre Schönheit zu erleben.