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Blütenwanderungen in Südtirol

Jetzt hat das Warten auf die Tage mit viel Sonnenschein und Wärme ein Ende. Die Singvögel wecken uns mit ihrem Morgenlied, ein laues Lüftchen weht und lockt ins Freie.
Zarte Farbtupfer, der Geruch nach feuchter Erde und Balzgesang kündigen den Frühling an. Bleiche Berge, sattgrüne Matten, farbenfrohe Blumengesichter, dazu südliches Flair, mildes Klima und stolze Bergbauern: Wir sind in den Südtiroler Dolomiten, um in die Wandersaison zu starten.

 Der Rhythmus beim Gehen, das unwillkürliche Stehenbleiben und Staunen, ein leichter Wind, ein süßer, flüchtiger Duft. Das Farbenspiel von Blättern und Blüten scheint der Palette eines romantischen, fantasievollen Malers entsprungen zu sein. Als Rahmen das glitzernde Gestein der Dolomiten in immer neuen Farbschattierungen. Dazu das Blau des Himmels, zarte Schleier der morgendlichen Wolken, das  gleißende Weiß von frischem Schnee auf den Gipfeln. Der Kopf wird frei, die Natur umhüllt uns sanft, die feinen Saiten der Seele schwingen leise.

 

Die hervorragende Kennerin der Flora Südtirols Paula Kohlhaupt nennt die Bergwiesen in Südtirol (Sellajoch, Grödner Joch, Armentarawiesen, Weiden der Lüsener Berge, Ciclesalm, Plätzwiese) „Gärten Gottes“. In diesem Artikel wollen wir solche „Gärten“, eingebettet in pittoreske Landschaften, vorstellen. Die dort blühenden Blumen sind von außergewöhnlicher Schönheit. Manche sind selten und gar nicht so leicht zu finden, manche wiederum kommen im Überfluss vor.

 

Ein Potpourri der Lebensfreude

Welch bessere Bühne für Naturschauspiele kann es geben als die Dolomiten? Hier bilden Krokusse, Küchenschellen, Schwefelanemonen und Soldanellen den Frühlingsauftakt. Massenhaft schießen sie aus dem Boden, drängeln und schubsen und können ihre Zeit kaum erwarten. Bald danach verwandeln Blumen in bunten Sommerkleidern die Matten in ein duftendes Blütenreich. Leuchtend präsentieren sich die goldenen Sterne der Arnika, Glocken- und Flockenblumen, die rosafärbigen Turbane des Türkenbunds, die orangeroten Trichter der Feuerlilie, die weißen der Paradieslilie und die wohlriechenden Kohlröschen. Einige davon sind seltene, ausgefallene Schönheiten, einmal in kräftigen Farben, dann wieder pastellig, stets aber in reizvollem Kontrast zwischen strengen Linien und lieblichen Formen. Als übermütige Schar mit strahlenden Gesichtchen gleichen sie einem Potpourri der Lebensfreude.

Die kleinen Wunderwerke der heißen Jahreszeit sind die Dolomitenakelei auf den steilen, mageren Urwiesen, die Schopfige Teufelskralle, ein Glockenblumengewächs, das nur in Felsspalten gedeiht, sowie die silbrig-weißen, filzigen Sterne des Edelweiß.

 

Werden die Tage frostig, erscheinen die blasslila Herbstzeitlosen, die mit ihrem Charme wilder Unberührtheit im fahlen Schein der tiefen Sonne stehen, bevor Schnee auf die Matten fällt.

Alle genannten Blumen haben eines gemeinsam: Sie berühren uns und erfüllen unsere Erwartungen, mit der wir unsere Blütenwanderung(en) begonnen haben, um ein Vielfaches.

 

Krokusse auf Lärchenwiesen

Die erste Blütenwanderung im Jahr könnte man im April am Tschögglberg unternehmen und über die mit Krokussen übersäten Lärchenwiesen schlendern. Von Bozen ist man flugs oben beim Dörfchen Jenesien, das vor allem in der Vorsaison noch nicht so überlaufen ist. Ein ideales Ausflugsziel, um die ersten Frühlingsdüfte bewusst einzuatmen und das Erwachen der Natur auf den noch graubraunen Wiesen zu erleben.

 

Tausende Krokusse mit ihren weißen und lila „Elfenflügeln“ verkünden als erste Boten den Bergfrühling. Kaum beginnt der Schnee zu schmelzen, wagen sie sich ans Licht. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis die Wiesen wie bestickt aussehen. Die seit Jahrhunderten gepflegte Kulturlandschaft gibt den Frühblühern ausreichend Licht, um die nur wenige Wochen dauernde Farbenpracht zu entfalten.

 

Wer es gemütlich mag, folgt vom Gasthof Edelweiß dem Weg bis zum Bauernhof und Kirchlein von Langfenn (Gehzeit von Jenesien bis Langfenn: rd. 2 Std.), für ausdauerndere Geher setzt sich das Naturschauspiel der zarten Blütenteppiche bis zum Möltener Joch fort (Gehzeit von Jenesien bis zum Möltener Joch: ca. 4 Std.). Man kann also einen halb- oder ganztägigen Ausflug machen.

 

Soldanellen auf der Plätzwiese

Ein weiteres Juwel unter den Mutigen, die ihre Köpfchen herausstrecken, sobald der erste Schnee weicht, ist die Soldanelle. Ihren Spuren folgend erreichen wir die Plätzwiese. Hier erwartet uns eine bunte Fülle von charakteristischer Dolomiten-Flora: Stängeloser Enzian, Schusternagerl, Primeln, Pelzanemonen und Erika begrüßen uns im Frühling.

 

Die Blütenwanderung über die Plätzwiese beginnt am gleichnamigen Parkplatz, der über das Pragser Tal erreicht wird. Von hier führt ein breiter Weg vorbei am beliebten Berggasthaus Plätzwiese, gleich darauf ein Steiglein hinauf Richtung Dürrenstein; danach geht es am Dolomitenhöhenweg rechts weiter zur Dürrensteinhütte, dem Ziel der Wanderung, begleitet von zartblauen Soldanellen, auch Eisglöckchen genannt, Eisglöckchen. Unzählige filigrane Kunstwerke durchbrechen Eis- und Schneedecken, nichts kann sie stoppen. Die gefransten Blütenglocken mit feinem Saum aus zarter Spitze schwingen in der frischen Brise. Der Auftritt dieser „Eisprinzessinnen“ erfolgt im Anblick der sagenumwobenen Hohen Gaisl und der mächtigen Cristallo-Gruppe. Ein Abstecher auf den Strudelkopf von der Dürrensteinhütte aus lohnt sich wegen der prächtigen Aussicht. Zurück geht es über die sanften Wiesen zum Ausgangspunkt. Gehzeit: ca. 3 Std.

 

Küchenschellen auf der Seiser Alm

Seiser Alm und Schlern haben einen besonderen Klang. Die Seiser Alm ist die höchstgelegene Alm Europas. Darüber erhebt sich die markante Gestalt des Schlern-Massivs mit seinen vorgelagerten Spitzen - ein Symbol für ganz Südtirol. Die geologische Vielfalt in diesem Gebiet gibt gute Einblicke in die Entstehung und Formung der Alpen, und der Reichtum an Pflanzenarten ist beeindruckend: In einer verschwenderischen Fülle breiten sich Tausende von Wildblumen über die Matten. Bereits zu Pfingsten läuten Krokusse, Pelzanemonen und Soldanellen den Frühling ein.

 

Von Kompatsch aus geht man auf dem Hans-und-Paula-Steger-Weg, vorbei am Hotel Dellai Steger, dann beim Weiher durch ein Fichtenwäldchen. Beim Schild „Tuene-Hütte“ ist - je nach Schneelage - Ende April, Anfang Mai, also rund um Pfingsten, das Verlassen des Weges ein Muss: In wenigen Schritten erreicht man zuerst einen rot-weißen Fahnenmast, dann die Ausstiegsstelle eines Liftes und erblickt nun ein beeindruckendes Vorkommen von Küchenschellen. Jede Kuppe, jeder Einschnitt ist mit den glockenförmigen, zauberhaft zarten Blüten in gedämpftem Weiß oder Lila, doch nie ohne Pelzmäntelchen, in den vielfältigsten Stadien bedeckt. Kleine Kostbarkeiten wie die Küchenschelle erfordern immer einen zweiten  Blick. Wer sich von der äußeren Schönheit nicht blenden lässt, entdeckt auch die herrliche Zeichnung, im Inneren verborgen. Im Mai heißen die Küchenschellen zusammen mit den Heerscharen von weißen und violetten Krokussen den Bergfrühling auf der Seiser Alm willkommen.

 

Man folgt dem Hans-und-Paula-Steger-Weg, der einen schließlich über die Matten zurück zum Ausgangspunkt führt. Gehzeit: ca. 3 Std.

 

Text von Susanne und Rainer Altrichter, Fotos von Susanne Altrichter

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Buchtipp:

Susanne und Rainer Altrichter

Die schönsten Blütenwanderungen in Südtirol

 

200 Seiten mit zahlreichen Grafiken und Fotos, broschiert, 19,90 €, Stocker-Verlag, ISBN 978-3-7020-1306-6, März 2011

 

In dieser Neuerscheinung werden 35 traumhafte Wanderungen in Südtirol beschrieben, die zu Stellen führen, wo es vom Frühling bis zum Herbst prächtig blühende Pflanzen zu bewundern gibt.

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