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Abschlussexpedition des Alpinkaders in Peru

Im Frühling 2012 wurde der Alpinkader der Naturfreunde Österreich ins Leben gerufen, in dessen Rahmen junge Topalpinistinnen/Alpinisten die Möglichkeit haben, drei Jahre lang gemeinsam zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und Touren zu unternehmen. Sechs Burschen schafften die Qualifikation und absolvierten die Lehrgänge und eine Reihe von Touren. Im zweiten Lehrjahr wählte die Gruppe ein Expeditionsziel aus und trainierte dafür. Im Sommer 2014 unternahm sie gut vorbereitet ihre siebenwöchige Abschlussexpedition in der Cordillera Blanca und Cordillera Huayhuash mit großen bergsteigerischen und klettertechnischen Leistungen.

Wir sitzen im Flugzeug von München Richtung Lima. Das Projekt Alpinkader geht in die letzte Phase: Die lang geplante Abschlussexpedition beginnt. Jeder der Gruppe hatte noch so einiges zu erledigen, bevor er am 10. Juli 2014 in den Flieger stieg. Jetzt sind wir irgendwo über dem Atlantik, freuen uns auf die bevorstehenden sieben Wochen voller Bergsteigen und neuer Eindrücke auf einem anderen Kontinent. Südamerika wir kommen! Die Schritte, welche die Gruppe gemeinsam bis zur letzten Etappe ging, waren sehr viele. Einige waren sehr leicht und gerne zu meistern. Ich denke da an die vielen schönen Tage, die wir in den letzten zweieinhalb Jahren in den Alpen verbrachten. Doch es gab auch Schritte, die uns sehr schwer fielen, manchmal sogar unmöglich schienen.

 

Der Alpinkader der Naturfreunde Österreich wurde im Frühjahr 2012 mit einem Auswahlverfahren gestartet und ermöglichte sechs Alpinisten mit Ambitionen für Höchstleistungen, drei Jahre gemeinsam zu trainieren, Erfahrungen auszutauschen und Touren zu unternehmen. Sie wurden von professionellen Berg- und Skiführern sowie von routinierten Trainern gecoacht. Im ersten Jahr fanden u. a. Kurse für Sportklettern und Hochtouren statt. In dieser Zeit mussten sich die Teilnehmer mit ihren Stärken und Schwächen erst kennenlernen. In der Trad- & Techno-Woche im Orco Valley kletterten wir super Routen im Trad-Stil und besserten die  „Aid-Climbing“-Skills etwas auf. In diesen Tagen entstanden lässige Bilder von den Jungs beim Klettern; sie wurden von Foto-Altmeister Heinz Zak aufgenommen! Weiter ging es mit einer Hochtourenwoche in Chamonix. Der erste von vielen Aufenthalten im wilden und einzigartigen Montblanc-Massiv. Im September stand Alpinklettern im Gesäuse auf dem Programm. Wie gewohnt, verging auch hier die Zeit viel zu schnell, und der Kurs endete lange, bevor Wissbegierde und Tatendrang nachließen. Das erste Ausbildungsjahr endete im Februar 2013 mit einem Lawinen- und Eiskletterkurs mit tollen Touren an Eisfällen.

 

Nach diesem sehr intensiven, interessanten und lehrreichen Jahr war es an der Zeit, ein geeignetes Ziel für die Abschlussexpedition zu finden. Viele mögliche Projekte wurden von den Teilnehmern vorgeschlagen und diskutiert. Drei Ziele wurden näher ins Auge gefasst. Die Gruppe holte genaue Infos über die Vor- und Nachteile der Gebiete ein.

 

Das zweite Ausbildungsjahr stand ganz im Zeichen des speziellen Trainings für diese Expedition. Gemeinsame Tourenwochen in Chamonix und in der Dauphine standen genauso am Programm wie Notfallseminare für Hochtouren und Winter. Zusätzlich zu diesen Trainingswochen unternahmen die Jungs auch gemeinsam Touren. Es wurden schwere Routen in Angriff genommen: Walkerpfeiler, Colton-MacInterye (Grandes-Jorasses-Nordwand), Heckmair-Route (Eiger-Nordwand), Matterhorn-Nordwand - um nur ein paar der Routen zu nennen, die in den Westalpen geklettert wurden. Auch „zu Hause“ absolvierten die Alpinkader-Mitglieder viele Routen, zum Beispiel die Ortler-Nordwand und den Moonwalk, und in Übersee hakten sie im Yosemite Valley einige Klassiker ab: u. a. die Half-Dome-Regular-Route sowie mehrere Routen am El Capitan, darunter die weltbekannte Nose.

 

Das Ziel für die Abschlussexpedition kristallisierte sich in der Osterwoche in Chamonix heraus: die Cordillera Huayhuash, ein Gebirgszug in den Anden in Peru, südlich der Cordillera Blanca. Ab nun hieß es, Nägel mit Köpfen zu machen! Die Organisation der Expedition begann. Angebote wurden eingeholt, Details geklärt, Ausrüstungsgegenstände ausgewählt.

 

Trauer um einen guten Freund

Leider gab es auch Umstände, die wir nicht durch Organisation und Training zu unseren Gunsten verbessern oder sogar beherrschen konnten. Mitte 2013 teilte uns Stefan Lengauer schweren Herzens mit, dass er aufgrund seiner gesundheitlichen Situation nicht mehr mit der Gruppe trainieren und klettern könne und den Alpinkader verlassen müsse.

 

Ende Mai dieses Jahres erfuhren wir, dass unser Freund, Kletterpartner und Alpinkader-Mitglied Clemens Jerabek am Schneeberg, seinem Hausberg, vermisst würde. Wir waren fassungslos. Den Schneeberg kannte Clemens wie seine Westentasche. Mehrmals die Woche war er auf diesem Berg unterwegs, um dort seine Kondition zu trainieren. So auch an diesem Tag. Nach zwei Tagen Ungewissheit über den Verbleib von Clemens kam die erschütternde Nachricht, dass die Bergretter ihn nur mehr tot hatten bergen können.

Die Gruppe entschied sich dafür, die Expedition trotz dieses Schocks zu machen. Eine Entscheidung, die sicherlich auch im Sinne von Clemens gewesen wäre. Obwohl er nicht mit uns im Flieger saß, war er doch auf eine gewisse Art und Weise mit uns unterwegs. Wir nahmen unseren Jerry (Clemens) im Geiste mit auf die Gipfel der Berge Perus, die er so gerne mit uns hatte besteigen wollen.

 

Eine erfolgreiche Bilanz

Nach sieben Wochen auf Achse quer durch die Cordillera Blanca und Cordillera Huayhuash können wir auf eine wunderbare Zeit mit coolen Touren zurückblicken. Unser Trip war sehr abwechslungsreich und vielseitig: Von Sportklettern über Alpinklettern und klassischen Hochtouren bis hin zu ausgewachsenen anspruchsvollen Wandklettereien auf über 5000 m mit echtem Nordwand-Feeling war alles dabei. Mit „leichtem“ Gepäck im feinsten aller Stile in diesen Bergen unterwegs sein zu können war uns eine große Freude.

 

Zwischen den Besteigungen hoher Berge nutzten wir immer wieder Zeitfenster zum Sportklettern und Bouldern. Die herausragenden Leistungen in diesem Bereich waren die Begehungen von Apnea, 7c Rotpunkt, von zwei Alpinkader-Mitgliedern sowie von Dedos Negros, 8a, einmal Flash und einmal Rotpunkt. An den Rasttagen bummelten wir durch Huaraz, gingen in unser Lieblingskaffee „Andino“ oder spielten Billard. Ob wir in den Bergen oder in den Bars von Huaraz waren - Clemens war immer mit uns. Jeder von uns hatte sicherlich Momente, in denen er ganz besonders an ihn dachte. Für mich waren das Momente in den Bars, wo er wahrscheinlich mit abgefahrenen Tanzeinlagen die Leute amüsiert hätte, und im Base Camp, wo er den Koch im Handumdrehen zum Gehilfen gemacht hätte. Wir nahmen auf alle Gipfel sein blaues Kopftuch mit und dachten an ihn. Und am letzten Gipfel, am Cayesh, der Clemens sicherlich am besten getaugt hätte, vergruben wir das Tuch tief im Gipfeleis. Somit verbleibt für immer ein Stück von Clemens in den Anden - in den Bergen, die er so gerne mit uns bestiegen hätte.

 

Text und Fotos von Stefan Brunner, Initiator und Leiter des Alpinkaders der Naturfreunde Österreich

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Alpinkader 2015-2017

Aufgrund des großen Erfolgs des Alpinkaders werden die Naturfreunde dieses Coaching für junge Topalpinistinnen/-alpinisten fortsetzen. Jede/r interessierte JungbergsteigerIn kann sich für die nächste Gruppe Anfang 2015 bei den Naturfreunden bewerben.

 

Voraussetzung ist ein hohes bergsteigerisches Niveau!

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Weitere Informationen

Hier ein Auszug unserer Hochtouren und Kletterrouten:

  • Artesonraju, 6025 m, über die SE-Face-Route
  • La Esfinge, 5327 m, über die 1985er-Route, 6c+/7a laut Führerliteratur (unsere Bewertung: 6b), und über die Cruz del Sur, 7c+ laut Führerliteratur (unsere Bewertung: 7b)
  • Rasac, 6017 m, über die SE Ridge
  • Tocllaraju, 6032 m, über das West Face Direct
  • Cayesh, 5721 m, über die NW-Ridge-Eisroute, WI5+ M7
  • Maparaju, 5326 m
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