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Klettersteig-Eldorado Dolomiten

Klettersteige, von den Italienern „vie ferrate“ genannt, wurden in den Dolomiten zwar nicht erfunden, doch das Angebot in den schroffen und senkrecht aufsteigenden Felsformationen ist unvergleichbar groß. Die Palette der knapp 100 Dolomitensteige reicht vom versicherten Höhenweg über extreme Routen auf die 3000er bis hin zu Gebirgsdurchquerungen.

Text und Fotos: Andreas Jentzsch und Axel Jentzsch-Rabl, Buchautoren (Alpinverlag)

 

Viele Dolomitensteige erinnern an ein ganz dunkles Kapitel der Weltgeschichte. Im Ersten Weltkrieg wurde an der Dolomitenfront erbittert gekämpft; zahlreiche Versorgungssteige wurden in den Fels gesprengt und mit Eisensicherungen versehen. Später wurden einige dieser Kriegssteige zu Klettersteigen um- und ausgebaut. Die versicherten Stollen ermöglichen es uns heute, auch im Inneren des Berges aufzusteigen. Von dieser Besonderheit abgesehen, erfordern die großen Dolomitensteige, im Vergleich zu den oft seilbahnoptimierten Sportklettersteigen unserer Heimatberge, alpinistisches Können und gute Kondition.

 

 

Marmolada - das Dach der Dolomiten

Die Marmolada ist mit ihren 3343 m das vergletscherte Dach der Dolomiten. Sie hat den größten Gletscher, die längste Seilbahn und einen fantastischen Klettersteig. Sein Name „Via ferrata Eterna“ weist bereits auf seine Anforderungen hin. Ewig lang und etwas schwierig zieht der im Jahr 1990 errichtete Steig auf dem glatten Nordgrat zur Punta Serauta hinauf und erreicht in einem steten Auf und Ab die Forcella Serauta mit der Seilbahnstation. Das letzte Viertel führt an zahlreichen Stellungen vorbei und gibt Einblick in die düstere Kriegsgeschichte. Wer zu Fuß absteigt, sollte eine Gletscherausrüstung mitführen.

Nach einer langen Sperre und der Verlegung des Einstiegs aus der Steinschlagzone ist dieser Steig seit dem Jahr 2012 wieder zugänglich - diesem unendlichen Klettersteigabenteuer steht also nichts mehr im Weg!

 

Via ferrata Eterna: 7 Std./C-D/1150 Hm ↑

 

 

Civetta-Überschreitung

Von der Marmolada hat man einen perfekten Blick zu der senkrechten Nordwestwand des Monte Civetta, die aufgrund der Höhe und Ausrichtung einige der alpinsten Möglichkeiten in den Dolomiten bietet. KlettersteiggeherInnen können den 3220 m hohen Gipfel nordsüdseitig überschreiten; normalsterbliche GeherInnen legen am besten im bescheidenen Rifugio Torrani gleich unterhalb des Gipfels einen Zwischenstopp ein, da die Überschreitung auch als zweitägige Tour eine Herausforderung darstellt.

Vom Norden führt vom Rifugio Sonino Adolfo al Coldai die mittelschwere Ferrata Alleghesi zum höchsten Punkt. Im Süden zieht die kurze, aber sehr schwierige Ferrata Tissi zum Rifugio Torrani hinauf. Wem der Schwierigkeitsgrad D zu schwer ist oder wer doch nur einen der beiden Steige machen möchte, geht einfach über den Normalweg nach Osten hinunter. Auch dort erwarten einen wieder einige Drahtseile.

Die Überschreitung der Civetta ist sehr anspruchsvoll. Der Abstieg vom Gipfel über den Normalweg ist nicht an allen Stellen optimal versichert.

 

Via ferrata degli Alleghesi: 11 Std./C/2150 Hm ↑

Via ferrata Attilio Tissi: 8 Std./C-D/1600 Hm ↑

 

 

An der Tofana 

Es wären nicht die Berge um Cortina d’Ampezzo, wenn es dort nicht von Zeit zu Zeit etwas Neues gäbe. Der bekannte Klassiker an der Tofana di Mezzo (3244 m) wurde ab dem Felsenfenster „Bus de Tofana“ im oberen Teil sehr gut saniert. Mit den beiden Klettersteigen Giuseppe Olivieri und Gianni Aglio bezwingt man eine perfekte Klettersteigkombination mit ganz neu angelegtem Gipfelfinale. Hinunter schwebt man mit der Seilbahn in das Zentrum von Cortina.

Wem diese Gipfeltour zu lang ist, kann am Fuß der Tofana den neuen, eher leichten Genussklettersteig Maria e Andrea Ferrari unweit des Rifugio Duca d’Aosta erkunden, für den man etwas über eine Stunde veranschlagen muss. Zwei schöne Holzbrücken und ein paar kurze Steilpassagen sorgen für Abwechslung. Diese Tour kann man auch mit der langen Ferrata auf die Tofana kombinieren.

 

Via ferrata Giuseppe Olivieri - Via ferrata Gianni Aglio: 9,5 Std./C-D (Var. D)/1250 Hm ↑

Via ferrata Maria e Andrea Ferrari: 1,25 Std./C/170 Hm ↑

 

 

Giro del Sorapiss

Wer wie täglich tausend andere einmal zur Auronzohütte bei den Drei Zinnen gefahren ist, hat auf dem Rückweg hinter dem Misurinasee einen mächtigen Gebirgsstock gesehen: die Sorapiss-Gruppe (auch Sorapis). Um den höchsten Punkt dieser Gruppe, den Punta Sorapiss (3205 m), schlängeln sich drei Steige, die man aufgrund der guten Biwak- und Hütteninfrastruktur zu einer zweitägigen Tour zusammenhängen kann, auf der man nahezu alleine unterwegs ist.

 

Vom Passo Tre Croci geht es gemütlich zum Rifugio Alfonso Vandelli (1926 m) hinauf, eingebettet im Kessel des Circo del Sorapiss mit kaum noch sichtbaren Gletscherresten und einem schönen Bergsee. Dort angekommen, steht man vor der Wahl, rechts oder links zu beginnen. Links führt die gut versicherte Ferrata Vandelli steil durch die Westabstürze der Sora el Fo und rechts geht man erstmal eine Zeit lang zu einer Scharte vor dem Herzstück der Sorapiss-Runde, dem Cengia del Banco, einem riesigen Geröllband, das 1300 m senkrecht ins Boite-Tal abfällt und rechts und links nur über steile und schwierige Felsstufen erreicht werden kann. Die Schwierigkeiten und teils ungesicherten Kletterstellen dieser kurzen Stufen haben es in sich und zwingen schwächere GeherInnen, mit der Via ferrata Francesco Berti zu beginnen. Das Verbindungsglied zwischen den beiden mittelschweren Steigen ist der Sentiero Carlo Minazio, der unterhalb des Biwaks Slataper, des mit 2660 m höchsten Punkts der Runde, höhenwegartig und mit wenig Eisen auf einem Band zum Comici-Biwak führt. Zurück geht es über die gut versicherte Ferrata Vandelli.

 

Große Sorapiss-Runde (Via ferrata Francesco Berti, Sentiero Carlo Minazio, Via ferrata Alfonso Vandelli): 12,5 Std./C, UIAA 1-2/1400 Hm ↑

 

 

Das Ferrata-Highlight am Sellastock

Die von Pässen flankierte Sella ist sicher der bekannteste Dolomitenstock. An der Nordseite, in einer Kulisse, die ihresgleichen sucht, befindet sich die meistbegangene Via ferrata in den Dolomiten. Die Berühmtheit des Pisciadù-Klettersteigs ist vollkommen gerechtfertigt. Er hat nur einen kurzen Zustieg und bietet fordernde, aber niemals besonders schwierige Passagen, imposante senkrechte Kletterpassagen am Exnerturm, eine Hängebrücke und eine bewirtschaftete Hütte mit Bergsee beim Ausstieg. Der Klettersteig ist der Auftakt für die Sella-Durchquerung. Große Gruppen machen das Überholen fast unmöglich. Man sollte daher wegen der Staugefahr ausreichend Zeit einplanen, vor allem an Wochenenden. Wer die Tour genießen will, kommt an einem Wochentag oder steigt später ein.

Bevor man sich auf den landschaftlich schönen Abstieg durch das Mittagstal begibt, kann man die Cima Pisciadù (2985 m) erklimmen.

 

Pisciadù-Klettersteig: 4,5 Std./C/650 Hm ↑

 

 

König Laurins Reich

Der sagenumwobene Zwergenkönig hat sich für seinen Rosengarten den vielleicht schönsten Platz der Dolomiten ausgesucht, ein Schuttkar zwischen Rosengartenspitze, Laurinswand und den berühmten Vajolet-Türmen. Genau dorthin führt uns auch der Santnerpass-Klettersteig. Der Steig ist technisch unschwierig, erfordert aber Trittsicherheit und Kletterkönnen bis zum zweiten Schwierigkeitsgrad. Dank des Sessellifts fällt der Zustieg weg, und gut zwei Stunden später steht man schon in Laurins Gartl, dessen Rosen der Sage nach nur in der Morgen- und Abenddämmerung blühen. Zwei Hütten laden hier oben zur Überprüfung dieser Sage ein, oder man steigt unschwierig auf der Nordseite in einer Runde zur Rosengartenhütte ab und wendet sich am nächsten Tag dem eigentlichen Highlight zu: der Rotwand-Überschreitung mittels einer Kombination aus Masaré- und Rotwand-Klettersteig.

 

Den Anfang macht der spektakuläre und deutlich schwierigere Masaré-Kamm mit seinen unzähligen Grattürmen, Felspalten und teils sehr luftigen Kletterstellen. Beim Fensterlturm muss man sich entscheiden, ob man die Rotwand hinauf will oder hinunter zur gleichnamigen Hütte.

Auf die Rotwand-BezwingerInnen wartet dort eine schwere, ausgesetzte Abstiegswand zum Ostgrat, auf dem man dann den Rotwandgipfel mehr gehend als klettersteigend erreicht. Der Abstieg über den Nordgrat-Klettersteig zum Vajolonpass ist unschwierig und lässt einem Zeit, die Landschaft zu genießen. Natürlich kann man die beiden Steige auch einzeln machen.

 

Santnerpass-Klettersteig: 5,15 Std./B und 2/800 Hm ↑

Masaré-Klettersteig: 4,75 Std./C/700 Hm ↑

Rotwand-Klettersteig: 4,75 Std./A-B/750 Hm ↑

 

 

Geheimtipp Schiara

Nur die wenigsten wissen, dass die Schiara-Gruppe noch zu den Dolomiten gehört. Der südlichste Dolomitenausläufer mit den kantigen Graten und den freistehenden Türmchen ist eines der besten Ferrata-Paradiese in Italien.

 

Eingebettet in einem riesigen Felskessel unter dem Monte Schiara (2565 m) mit dem gemütliche Rifugio 7° Alpini (1502 m) befinden sich fünf Klettersteige auf engstem Raum, mit drei Biwakschachteln an den neuralgischen Punkten, die sich - mit einer geschickten Planung - an einem Wochenende gut miteinander verbinden lassen. Vor dem Schlafengehen im Rifugio kann man sich schon etwas auf den nächsten Tag einstimmen, denn der Aufstieg in die hohen, dreistöckigen Eisenbetten hat die Schwierigkeit C und ist nach zu viel Vino tückisch.

 

Am nächsten Morgen beginnt die Runde mit  Sperti – Berti – Marmol, und am zweiten Tag steigt man über Zacchi – Berti – Sent. M. Guardino auf den Monte Pelf (2502 m) und von dort vorbei am Biwak Medassa direkt ins Tal. Die Steige sind alle im Bereich B-C und erfordern trotz des mediterranen Flairs alpine Erfahrung. Auf den Gipfeln hat man einen herrlichen Panoramablick auf Belluno bis hin zum Mittelmeer.

 

Via ferrata Sperti: 6,5 Std./B-C/1000 Hm ↑

Via ferrata Luigi Zacchi - Via ferrata Marmol: 5,25 Std./C (B-C)/860 Hm ↑

Via ferrata Berti: 7,25 Std./C/1140 Hm ↑

Sentiero alpinistico M. Guardino: 7,5 Std./B-C/1250 Hm ↑

 

 

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