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Skitouren am Gran Paradiso & Monte Rosa

Zu den höchsten Alpengipfeln ...

Im Jahr 1856 ließ König Viktor Emanuel II im Gebiet des heutigen Nationalparks Gran Paradiso ein königliches Jagdreservat zum Schutze des Alpensteinbocks einrichten. Die Tiere galten im restlichen Alpenbogen bereits als ausgerottet. Über 150 Jahre nach der weitsichtigen Widmung des Monarchen ist der Gebirgsstock ebenso ein Refugium für Alpinisten und Naturliebhaber. Tiefe, dunkle Täler, steile Felswände und schmale Gipfelgrate sind charakteristisch für das Massiv, das sich südlich der beiden höchsten Alpenformationen, des Montblanc und des Monte Rosa, erhebt. Mit 4061 m krönt der Gran Paradiso die Grajischen Alpen; er ist auch der höchste „Italiener“, weil er vollständig auf italienischem Boden steht. Nicht zuletzt deshalb zieht der Berg seit seiner Erstbesteigung am 4. September 1860 durch Michel-Clément Payot und Gefährten Bergsteiger aus aller Welt an.

 

Weite Firnhänge

Zwischen April und Mai, wenn weite Firnhänge locken, ist die beste Zeit für Skitourengeher, den Gran Paradiso zu „machen“. Vom Aostatal, mit dem Auto kommend, führt der Weg durchs enge, wilde Val Saverenche bis zum Ausgangspunkt, dem Parkplatz von Pont (1960 m), einem Ortsteil der Gemeinde Valsavarenche. Von dort leitet der Weg entlang des Baches bald über eine Holzbrücke durch steilen, lichten Lärchenwald und über ausgedehnte Hänge zum Rifugio Vittorio Emanuele II, das auf 2735 m Seehöhe liegt (Gehzeit: 2,25 Std.). Die Schutzhütte der Sektion Turin des Club Alpino Italiano erinnert in ihrer futuristisch anmutenden Bauweise an eine Montagehalle für Zeppeline. Ihr Markenzeichen, das in der Sonne funkelnde Aluminiumdach, ist schon von Weitem gut zu erkennen.

 

Den meisten Tourengehern dient diese Hütte als Stützpunkt für den eigentlichen Gipfeltag und ist an schönen Wochenenden mehr als überfüllt. Es empfiehlt sich, rechtzeitig ein Lager zu reservieren. Bekannt ist das Rifugio auch für sein internationales Flair. Gruppen und Bergführer aus den verschiedensten Nationen kehren hier ein und stärken sich mit Pasta, Polenta und Minestrone – der kulinarischen Dreifaltigkeit der italienischen Hüttenküche.

 

Grandioses Panorama

Die Hochtour auf den Gran Paradiso gilt als nicht besonders schwierig. Zu beachten ist aber, dass, ausgehend vom Rifugio Vittorio Emanuele II, immerhin gut 1300 Höhenmeter zu bewältigen sind (Aufstieg: ca. 4 Std.). Der äußerst luftige Gipfelgrat erfordert eine Blockkletterei im 2. Schwierigkeitsgrad. Der Weg auf den Gipfel führt anfangs links unterhalb der Hänge der Becca di Moncorvé entlang. Über mehrere Aufschwünge erreicht man den „Eselsrücken“ (Schiena d’Asino), einen spaltenreicheren Sattel. Das Panorama ist an jeder Stelle überwältigend. Monte Rosa, Grand Combin und Matterhorn, das mächtige Massiv des Montblanc, Monviso: Die atemberaubende Bergwelt der Westalpen liegt zum Greifen nahe.

 

Madonna aus weißem Marmor

Über ein steiles Firnfeld zieht die Spur schließlich zum Skidepot unterhalb des markanten Gipfelgrats empor. Das Ziel, die Gipfelmadonna aus weißem Marmor, vor Augen gilt es noch, den Bergschrund zu überwinden – die Randkluft ist im Spätwinter oft noch zugeschneit. In leichter luftiger Kletterei über glatte, griffarme schwarze Blöcke erreicht man die sehr ausgesetzte Querung (II) entlang gähnender Abgründe zur Madonna. Zur Entschärfung der Schlüsselstelle wurden zwei Bohrhaken angebracht. Heikel ist nicht nur die Querung, sondern auch das Gedrängel, das manchmal am Grat herrscht.

 

So großartig der Ausblick auf die umliegenden Giganten der Westalpen ist, so grandios ist auch die Abfahrt – wenn es auffirnt. Die Abfahrtsroute orientiert sich an der Aufstiegsspur, wobei über einige Hänge mehrere Varianten möglich sind.

 

Tipp: Wer dem Trubel entgehen will, der mitunter auf der Normalroute herrscht, nimmt den Weg vom Rifugio Chabod (2750 m, Zustieg von Pravieux) aus. Die Route ist weniger frequentiert, führt allerdings über spaltenreicheres Gelände auf dem Gran-Paradiso-Gletscher (Ghiacciaio del Laveciau).

 

La Tresenta und Punta Foura

Vom Rifugio Vittorio Emanuele II aus wird gerne auch die 3609 m hohe La Tresenta mit Skiern erklommen. Sie gilt als einfach und dient den Gran-Paradiso-Anwärtern zur Akklimatisierung. Zudem bietet der Gipfel ausnehmend schöne Aussichten auf den kühnen Nordostgrat und die eisbedeckte Nordflanke des benachbarten formvollendeten Ciarforon (3642 m).

 

Ebenso lohnend ist die Tour auf die Punta Fuora (3411 m), die zu Unrecht ganz im Schatten des Gran Paradiso steht und selten besucht wird. Die Route führt von Pont aus Richtung Talschluss bis zur l’Alpe Grande Etrèt. Am Col di Punta Foura (3124 m) schweift der Blick über die wunderbare Bergkulisse des Gran-Paradiso-Nationalparks. Auf den Gipfel geht es ungesichert über teils lose Blöcke. Die Abfahrt erfolgt direkt vom Gipfel durch eine steile Firnrinne oder entlang der Aufstiegsspur.

 

Wechsel zum Monte Rosa

Skitouren am Gran Paradiso lassen sich ideal mit einem Besuch der 4000er des Monte Rosa verbinden. Im Frühjahr ist es ratsam, zeitig aufzubrechen, weil große Nassschneelawinen die schmale Straße durch das Val Saverenche bedrohen. Der kürzeste Weg zum Monte-Rosa-Massiv in den Walliser Alpen führt durch das Aostatal nach Gressoney oder Greschunei, wie die Talschaft auf Walserdeutsch heißt. In gut zwei Stunden Autofahrt erreicht man den Weiler Orsia oberhalb von Gressoney-La-Trinité. Hier beginnt der Anstieg zum Rifugio città di Mantova (3498 m) oder zum Rifugio Capanna Gnifetti (3647 m). Alternativ bietet sich als Aufstiegshilfe die Fahrt mit der Punta-Indren-Seilbahn in Alagna Valsesia an, etwa 240 Fahrkilometer von Valsaverenche entfernt.

 

Römisches Aosta

Welchen Weg man auch wählt, für einen Zwischenstopp im mediterran-alpinen Aosta sollte Zeit sein. Sei es nur, um hier einen Cappuccino zu genießen. Als Legionslager von Kaiser Augustus gegründet, hat Aosta bis heute seinen römischen Charakter bewahrt. Davon zeugen Forum, Amphitheater und die römische Brücke Pont de Pierre. Südlich ragt der Monte Emilius (3559 m) über dem Tal auf und beherrscht eindrucksvoll die geschichtsträchtige Szenerie. In der Gegend bekriegte im Mittelalter Pippin der Jüngere die Langobarden, und Karl der Große ließ durch die Stadt die Via Francigena nach Rom bauen.

 

In Aosta ist auch die beste Gelegenheit, Proviant zu kaufen. Wem die „ewige“ Marmelade zum Frühstück auf den hiesigen Hütten bereits zum Hals raushängt, deckt sich hier ein: mit Schinken, Speck, Salami und anderen Würsten aus der Region sowie dem berühmten Fontina, einem würzigen Hartkäse.

 

Reine Muskelkraft, Lift oder Radrak

Von Orsia geht es in dreifacher Weise auf die „Mantova“ oder die „Gnifetti“: die gesamte Strecke auf Tourenskiern (mindestens 1700 Höhenmeter – nur etwas für Konditionsschinder), mit dem Sessellift bis zur Bergstation oder mit einem Radrak darüber hinaus. Wer zu lange in Aosta flaniert hat, muss ohnehin mit dem Lift oder dem Pistengerät hinauf. Ist der Liftbetrieb saisonbedingt bereits eingestellt, bleibt nur der Radrak. Kostenpunkt: 40 Euro pro Person (Preis vom April 2009), sicherlich ein Wucher. Der Ärger darüber verfliegt aber auf den verbleibenden 1000 Höhenmetern bis zur „Mantova“ ebenso rasch, wie der Schweiß auf der Stirn steht.

 

Die Mantova-Hütte wurde jüngst renoviert. Architektonisches Herzstück ist der lichtdurchflutete Speisesaal. Die verschwenderisch angelegten Fenstergalerien eröffnen einen unverstellten Blick auf die pittoreske Spaltenwelt des herabfließenden Lysgletschers. Wenn der massige Leib des Montblanc im Abendrot Kontur annimmt, drehen die Wirtsleute gerne das Licht im Saal ab, um die Wirkung des Spektakels zu verstärken. Im Vergleich zu der etwas oberhalb gelegenen Capanna Gnifetti ist hier das Hüttenleben komfortabler, weniger hektisch und die Betreuung liebevoller. Dafür ist die Nächtigung teurer.

 

Parade der 4000er

Empfehlenswert ist die Skitour auf die Signalkuppe (Punta Gnifetti, 4554 m) zur Capanna Regina Margherita, dem höchstgelegenen Gebäude Europas. Die Route verläuft zunächst, immer mäßig ansteigend, über den Garstelet-Gletscher bis zum Lysjoch. Danach geht’s sanft abwärts auf den obersten Rand des Grenzgletschers und in einem weiten Linksbogen, unterhalb eines riesigen Gletscherbruchs, auf den Sattel zur Punta Gnifetti (Gehzeit: ca. 3–4 Std.). Hier zweigt die Route zur nahen Zumsteinspitze (4563 m) ab.

 

Entlang des Weges wird klar, warum die Tour so populär ist. Man schreitet sozusagen eine 4000er-Parade ab: Pyramide Vincent (4215 m), Balmenhorn (4167 m), Schwarzhorn (Corno Nero, 4322 m), Ludwigshöhe (4341 m), Parrotspitze (4432 m).

 

Beim Anstieg zum Skidepot wird die Luft spürbar dünner. Jetzt entpuppen sich die Tage am Gran Paradiso als großer Vorteil. Ohne Kopfweh ist der Ausblick von der „Margherita“, die auch ein Zentrum für Höhenmedizin beherbergt, gleich noch phantastischer: Dufourspitze (höchster Schweizer Gipfel), Nordend, Matterhorn. Zweifellos am imposantesten ist der gewaltige Lyskamm (4527 m). Seine eisgepanzerte Nordost-Wand stürzt 1000 m hinab. Er sei dem Himmel versprochen, aber mit der Erde vermählt, heißt es. Auf seinem langen, oft überwechteten Grat sind schon etliche Seilschaften in der Tiefe verschwunden, weshalb der Berg im Volksmund auch „Menschenfresser“ genannt wird.

 

Bei der Abfahrt bietet sich die Gelegenheit, noch den einen oder anderen 4000er „mitzunehmen“. Leicht zu begehen sind Ludwigshöhe und Vincent-Pyramide. Die Parrotspitze überschreitet man auf einem Schneegrat mit den Skiern am Rucksack: An klaren Tagen soll oben die Sicht bis nach Mailand reichen. Der Corno Nero wird über ein steiles Firnfeld, das Balmenhorn mit seiner Christusstatue über einen kurzen Klettersteig erstiegen. Devise: so weit die Füße tragen.

 

Text und Fotos von Günter Vielgut

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